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Überraschung in Mainz : ZDF-Intendant Schächter kündigt Rückzug an

Eine dritte Amtszeit muss nicht sein: ZDF-Intendant Markus Schächter Bild: dpa

Zehn Jahre sind genug: ZDF-Intendant Markus Schächter strebt keine weitere Amtszeit an. Das nun beginnende digitale Jahrzehnt werde das Fernsehen nachhaltig verändern. Einen heißen Kandidaten für die Nachfolge gibt es auch schon.

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          Markus Schächter, der Intendant des ZDF, strebt keine dritte Amtszeit an. Am Dienstagmorgen verkündete er seinen Entschluss im Sender, informierte die Geschäftsleitung und die Belegschaft. Die Vorsitzenden des Verwaltungs- und des Fernsehrats - der den Intendanten wählt - hatte Schächter schon, wie er angibt, vor geraumer Zeit davon in Kenntnis gesetzt, dass er seine Amtszeit am 14. März 2012 beendet. Den Mitgliedern des Fernsehrats gab er seinen Entschluss am Montagabend in einem Schreiben kund.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es sei seine „persönliche Überzeugung“ und sein „Amtsverständnis, dass Spitzenpositionen in Top-Unternehmen nur in klarer Befristung erfolgreich ausgeübt werden können,“ sagte Schächter. Zwei Amtsperioden seien „ein gutes Zeitmaß und zehn Jahre die richtige Zeitspanne. In diesem Rahmen können Ziele definiert, ein Team zusammengeführt und die Ziele dann erfolgreich umgesetzt werden. Danach ist es Zeit, die Führung in andere Hände zu legen.“

          Klarere Gliederung des Fernsehabends angepeilt

          Das „jetzt beginnende digitale Jahrzehnt“, so Schächter, werde „das klassische Fernsehen gravierend verändern“. Die Folgen der Verschmelzung von Netz und Fernsehen erforderten tiefgreifende Entscheidungen: „Es geht um eine langfristige Perspektive, die über eine mögliche nächste Amtsperiode hinausreicht. Deshalb ist es vernünftig und sinnvoll, dass die Verantwortung für diese Weichenstellungen frühzeitig in neue Hände übergehen kann.“

          Will die Änderung des ZDF-Staatsvertrages: Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD)

          „Frühzeitig“ soll heißen, dass ein neuer Intendant schon auf der nächsten Sitzung des Fernsehrats am 18. Februar gewählt werden könnte, oder auf der darauffolgenden Sitzung im Juni. Als erster Kandidat für Schächters Nachfolge gilt der Programmdirektor Thomas Bellut. Unter seiner Ägide hat sich das Hauptprogramm des ZDF merklich verändert - im April soll eine Reform in Kraft treten, mit der die Abende im ZDF klarer gegliedert werden denn je - mit langen Informations-, aber auch dezidierten Unterhaltungsstrecken, auf die sich Bellut und der im vergangenen Frühjahr ins Amt gekommene Chefredakteur Peter Frey geeinigt haben.

          Soll und Haben eines Intendanten

          Allseits positiv bewertet wird auch der Mainzer Zweitsender ZDFneo, der vor allem jüngere Zuschauer erreicht. Das freilich vollzog sich alles auch unter Schächters Ägide, der zu seinem Abschied betont, dass er einen Sender übergebe, der gut aufgestellt sei. Man habe in den letzten zehn Jahren die wichtigsten Ziele erreicht. „Der gigantische Schuldenberg ist abgebaut. Die Beschränkungen des analogen Einkanalsenders liegen hinter uns, mit ZDFneo haben wir einen erfolgreichen Eckstein für die digitale Programmfamilie gesetzt. Unsere Internetangebote sind legitimiert und beauftragt, es besteht rechtliche Klarheit und Zukunftssicherheit. Im Programm setzen wir Standards in Information, Fernsehfilm und Dokumentation, den Kernbereichen unseres öffentlich-rechtlichen Auftrags. Technologisch ist das ZDF mit seiner Mediathek und seinem Engagement in Bereichen wie HD-TV und HbbTV ein Innovationsmotor des deutschen Fernsehens.“

          Das ist die Haben-Seite dieses Intendanten. Ins Soll aber geriet er im vorvergangenen Jahr, als er im Verwaltungsrat des ZDF mit dem Versuch scheiterte, den Vertrag des damaligen Chefredakteurs Nikolaus Brender verlängern zu lassen. Dagegen opponierte die unionsnahe Mehrheit im Verwaltungsrat, angeführt von dem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Der Kampf um Brender wurde zu einer Machtprobe, die der Intendant verlor.

          Er sucht die Vermittlung, nicht den Konflikt

          In der Folge kündigten die Grünen eine Normenkontrollklage beim Bundesverfassungsgericht an. Der wiederum ist inzwischen der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und ZDF-Verwaltungsratsvorsitzende Kurt Beck mit einem eigenen Normenkontrollantrag zuvorgekommen, der es vor allem darauf anlegt, die Mehrheit unionsnaher Mitglieder im 77 Köpfe zählenden Fernsehrat zu brechen. Für die nun anstehende Wahl dürfte die juristische Intervention freilich zu spät kommen.

          Die erste Wahl des jetzigen Intendanten Schächter vor zehn Jahren erinnert an den politischen Kampf um den Chefredakteur im vorvergangenen Jahr. Schächter kam nach langen Auseinandersetzungen im Fernsehrat, in dem sich die beiden großen politischen Lager bis aufs Blut bekämpften, als Kompromisskandidat ins Amt. Vor fünf Jahren wiederum hatte sich der Sturm gelegt - Schächter wurde mit nur einer Gegenstimme wiedergewählt. Dem politischen Hickhack folgte das beste Wahlergebnis eines ZDF-Intendanten aller Zeiten.

          Darin zeigte sich eine der hervorstechenden Eigenschaften Schächters. Er wirkt stets im Hintergrund und sucht die Vermittlung, nicht den Konflikt - was man ihm je nach Gefechtslage mal zum Vorteil, mal zum Nachteil ausgelegt hat. Hätte er jetzt eine Wiederwahl angestrebt, heißt es aus Gremienkreisen, wäre Schächter für weitere fünf Jahre ins Amt gekommen. Doch er wollte nicht.

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