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Udo Jürgens als Filmheld : Musik ist gut gegen die Angst

  • -Aktualisiert am

Ein Wille und ein Weg: Das Chanson „Was ich dir sagen will” bescherte Udo Jürgens (David Rott) im Jahr 1961 den ersten Erfolg Bild: ARD Degeto/Toni Muhr

„Der Mann mit dem Fagott“, ein Zweiteiler nach dem Lebensroman von Udo Jürgens, ist trotz einiger Schwächen ein großer Fernsehfilm. Er verbindet die Biographie des Sängers mit der schier unglaublichen Geschichte seiner Familie.

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          „Jetzt komm ich noch einmal, und dann nimmermehr“: In den Märchen und einigen Romanen der Romantik gibt es diese Schattenwesen, die als Geleiter oder Verfolger, Beschützer oder Verführer das Handeln der Hauptfiguren lenken. In Udo Jürgens' Lebensroman ist es „Der Mann mit dem Fagott“, der als Person auftaucht und verschwindet, als Bronzestatuette Familienbesitz wird, der, zeitweise verschollen, gleichfalls ein magisches Eigenleben zu führen scheint.

          So beginnt auch die Verfilmung des Romans wie bei Charles Dickens und E.T.A. Hoffmann: Auf dem spukhaft dämmrigen Bremer Weihnachtsmarkt bannen 1891 leise russische Klänge den jungen Heinrich Bockelmann. Ein Fagottspieler, jung wie er, schickt sie in seine Richtung. Man gerät ins Gespräch, Bockelmann hört von Russland, der Heimat des Musikers.

          Auf der Stelle beschließt er, dort sein Glück zu machen, ist zehn Jahre später Bankier des Zaren, besitzt ein Palais, ein Heer Bediensteter, hat eine russische Frau, fünf Söhne, trägt eine goldene Taschenuhr bei sich (die oft auch magische Eigenschaften ausstrahlt) - und ist Besitzer besagter Bronzestatuette, deren lebendes Vorbild ihm in Moskau kurz vor dem jähen Ende seines Aufstiegs wiederbegegnet.

          Der Mann mit dem Fagott (Henning Stoll) spielt für ein Almosen auf Moskaus Straßen

          Von den Tragödien eines Jahrhunderts

          Noch einmal, diesmal wohl inspiriert von Thomas Manns Satansmotiven in „Doktor Faustus“, blitzt schwarze Romantik auf: Als Greis macht Heinrich seinem Sohn Rudi, der in einem Dorf in Kärnten als Gutsbesitzer und NS-Bürgermeister lebt, zum Vorwurf, er habe sich „mit dem Teufel eingelassen“. Doch man täusche sich nicht. Was der Zweiteiler erzählt, ist tatsächlich die Familiengeschichte des Udo Jürgens, bürgerlich Udo Jürgen Bockelmann. Sie umspannt die fundamentalen Ereignisse und Tragödien des zwanzigsten Jahrhunderts, von der letzten Blüte des kosmopolitischen Groß- und Finanzbürgertums über die Russische Revolution, den Aufstieg und Fall des Dritten Reichs bis zum Wirtschaftswunder.

          Wie es Heinrich Bockelmann gelingt, ein Vermögen anzuhäufen, in den Revolutionswirren in letzter Sekunde Frau und Kinder nach Finnland zu schaffen, erst die Kriegshaft - „tötet die Deutschen, tötet die Juden“ - im Ural zu überleben und schließlich mit Hilfe sozialistischer Verschwörer zu entkommen, wie sich seine Familie gutsituiert in Deutschland und Österreich verzweigt, das Dritte Reich erlebt, um dann in beiden Ländern wesentlich am Wiederaufbau teilzuhaben - das ist für ein Filmepos mehr als genug an Irrungen und Wirrungen, grotesken Zufällen und exemplarischen Lebensläufen.

          Doch es galt auch noch das wechselvolle Leben des Udo Jürgens, des seit fünfzig Jahren erfolgreichsten deutschen Entertainers, einzuflechten. Zunächst meint man, Regisseur Miguel Alexandre und Drehbuchautor Harald Göckeritz hätten vor der immensen Stofffülle kapituliert und kurzerhand zwei Filme gedreht, eine Familiensaga und eine Starvita, die sie am Ende ineinanderschoben.

          Randszenen, die wahrhaft beeindrucken

          Vor allem im ersten, dem Moskau-Teil, raschelt in den mit Zusatzinformationen überfrachteten Dialogen mächtig das Papier, zudem sind, weil ihnen Zeit und Raum zur Entfaltung fehlen, die Hauptfiguren oft Schablonen. Selbst der sonst so brillante Christian Berkel als Heinrich Bockelmann bleibt dadurch unter seinen Möglichkeiten; erst als um sein Leben bangender Häftling und mit den packenden Szenen seiner Flucht unter den Augen zaristischer Kontrolleure gewinnt er Kontur.

          Wie oft bei der Verfilmung solcher Riesenstoffe sind es Randszenen, die wahrhaft beeindrucken: Der eisige Satz - „ob Sie überleben, hängt davon ab, wie gut wir uns arrangieren“ - des Gefängniskommandanten (großartig im Kurzauftritt Jurij Rosstalnyj) zum Beispiel oder die schlichte Frage eines Schaffners - „Was können Sie denn für diesen sinnlosen Krieg?“ -, der Bockelmann entwischen lässt.

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