https://www.faz.net/-gqz-xrxb

TV-Vorschau: „Tatort“ : In Hitchcocks Namen

Am Fenster: Boris Aljinovic (links), Dominic Raacke und Barbara Morawiecz Bild: RBB

Eine alte Frau mit Fernglas hegt einen Mordverdacht. Hat sie nur Hitchcocks „Fenster zum Hof“ etwas zu ernst genommen? Aber dann verschwindet sie selbst. Ein stiller, unspektakulärer und sehenswerter „Tatort“.

          Ein Anruf geht ein auf dem Präsidium. Eine alte Dame ist am Telefon, Irmgard Wernicke. Sie will in dem Haus gegenüber, das sie, wie sich bald herausstellt, gewohnheitsmäßig mit dem Fernglas absucht, etwas beobachtet haben - einen Mord natürlich. Das heißt, nicht den Mord als solchen; sie will gesehen haben, wie der Mörder, Herr Benkelmann, die Leiche in Stücke gesägt und die Teile beseitigt hat, und zwar die seiner eigenen Frau. Ist Herr Benkelmann ein Mörder, oder bildet sich Frau Wernicke, die außer zu ihrer Krankenpflegerin keine Sozialkontakte hat, das nur ein?

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Bei Hitchcock hieß Frau Wernicke James Stewart, der einen vorübergehend an den Rollstuhl gefesselten Fotografen spielte, der Ähnliches beobachtet haben will. Und welch ein Zufall, dass Frau Wernicke (gekonnt omahaft: Barbara Morawiecz) in der vermeintlichen Mordnacht "Das Fenster zum Hof" sogar wirklich angeschaut hat! Ein Kriminalbeamter weist ausdrücklich darauf hin, dass dieser Film an jenem Abend im Fernsehen lief.

          Verdacht ist alles

          Allein dieses Detail weist den "Tatort" des RBB als eine Episode aus längst vergangenen Zeiten aus. Hier wird, absolut frei von irgendwelchem medien- und kriminaltechnischen Brimborium, ein Fall erzählt, zu dessen Lösung Vermutungen, Verdächtigungen, Instinkte, Beobachtungen und Geduld etwas beitragen, Verrichtungen also, auf die man früher stärker angewiesen war. Man hätte sich auch schwer vorstellen können, dass Frau Wernicke, um die Langeweile zu vertreiben, jeden Abend zur Hitchcock-DVD-Werkbox greift. Feste Sendezeiten geben, wie vieles Altmodische, den Menschen Halt.

          Man kann sich also in aller Ruhe auf die zentralen Fragen konzentrieren: Hat Herr Benkelmann nun seine Frau ermordet, und, wenn nicht, wieso denkt sich eine alte Frau mit Dutt so etwas aus beziehungsweise: Wieso merkt sie nicht, dass sie sich das nur ausgedacht hat? Die Kommissare Ritter und Stark, denen Dominic Raacke und Boris Aljinovic eine ausgesprochen simon-and-garfunkelhafte Anmutung verleihen - der eine groß, der andere klein, beide nicht besonders guter Laune und sich eher gegenseitig auf die Nerven gehend als zusammenarbeitend -, sind sich denn auch nicht sicher, ob sie einer solchen Zeugin trauen können. Allerdings erwischt Frau Wernicke Ritter an der empfindlichsten Stelle: Der Kommissar hatte seine Mutter zwei Jahre lang nicht gesehen ("viel zu tun"), und nun ist die tot. Nie wieder gutzumachen - das müsse doch furchtbar für ihn sein, sagt Frau Wernicke, und macht ihm, der sich abends zu ihr ans Spionierfenster setzt, aber (der gute alte Vorführeffekt!) nichts Verdächtiges entdeckt, nach alter Mütter Sitte erst einmal einen Strammen Max.

          Der nächste Fall

          Unterdessen zieht sich die Schlinge um den dicken Hals Herrn Benkelmanns (den Hans-Jochen Wagner gibt, einer der interessantesten deutschen Schauspieler der vergangenen Jahre) langsam zusammen. Dieser so kultivierte wie verschmuddelte Weinhändler, in dessen schöner Wohnung wohl noch Platz wäre für eine Leiche, stellt es als Selbstverständlichkeit hin, dass seine depressive - wäre das ein Motiv: diese Last loswerden? - Frau um vier Uhr alleine einen Zug nach Portugal besteigt. Bald wird ihr Mietauto gefunden, allerdings ohne Fahrerin. Aber da kann Benkelmann dem Kommissar Ritter, welcher der Frau bisher vergeblich hinterhertelefonierte, wie zum Beweis das Handy in die Hand geben: Eine Frau Benkelmann ist dran. "Sie machen sicherlich nur Ihre Arbeit", sagt der dann listig.

          Aber damit ist der Fall nicht erledigt. Frau Wernicke verschwindet. Man sah noch, wie Herr Benkelmann, dem es auch als Unschuldigem nicht angenehm sein kann, unter Dauerbeobachtung zu stehen, sich abends, nachdem Kommissar Ritter seinen Fensterplatz wieder geräumt hat, auf den Weg zu ihrer Wohnung machte, bedrohlich klingelte - und seither ist sie weg. Ein Stuhl liegt am Boden, die Wellensittiche kriegen langsam Hunger.

          Still, unspektakulär, sehenswert

          Sollte Herr Benkelmann etwa das Giftfläschchen und den Aluminiumkoffer dabeigehabt haben, die Frau Wernicke schon in der ersten vermeintlichen Mordnacht beobachtet haben will? Das wäre zweifacher Mord. Aber noch ist gar nicht klar, ob es überhaupt einen gab. Dann werden in Portugal aber doch Körperteile gefunden. Und hat Herr Benkelmann, bevor er sich den Weinflaschen zuwandte, nicht Medizin studiert und dabei auch etwas gelernt über das fachmännische Zerteilen von Leichen?

          Nachtzug nach Lissabon: Fuhr er wirklich mit der lebenden Frau Benkelmann ab? Freunde des gehobenen Bestseller-Kitsches, wie ihn der gleichnamige Roman von Pascal Mercier auftischt, kommen hier nicht auf ihre Kosten. Dieser "Tatort" ist so still und unspektakulär (und frei von Musik), vorzüglich gefilmt auch und frei von den oft so aufgekratzten Kommissarsfrotzeleien wie lange keiner mehr. Der Mut zur bleiern-lähmenen Stimmung, den Klaus Krämer (Buch und Regie) hier beweist, hat fast etwas Aufreizendes. Sehenswert.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Französische Bereitschaftspolizisten nach einer Farbbeutelattacke der „Gelbwesten“ am 1. Dezember in Paris

          Aufstand in Frankreich : Die gelbe Gefahr

          Der Aufstand der „Gelbwesten“ hat seine Unschuld verloren. Er bildet die sehr französische Variante einer stillen völkischen Revolution, die ganz Europa erfasst hat. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.