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Tukurs Dienstantritt im „Tatort“ : Wo wir wissen, wer wir sind

  • -Aktualisiert am

Durch seinen unbehandelten Gehirntumor ist er nicht nur dünnhäutig, sondern auch hellsichtig geworden: Ulrich Tukur als neuer Kommissar Felix Murot Bild: HR/Johannes Krieg

Diese Krimireihe ist der Fernseh-Spiegel deutscher Befindlichkeiten schlechthin. Zum Jubiläum „40 Jahre Tatort“ tritt Ulrich Tukur als Kommissar an. In einem Debüt, das in den Bann zieht, vollendet er, was mit Walter Richter begann.

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          Ärger trübt den Blick. Im Fall „Tatort“ heißt das, verärgert wegzusehen beim allabendlichen Trommelfeuer, mit dem die ARD „40 Jahre Tatort“ so feiert, als sei man irgendein winziger Privatsender, der Quoten hinterherhecheln muss. Grotesk, denn wenn es eine Reihe gibt, die felsenfest im allgemeinen Bewusstsein steht, dann diese. Und deshalb sollte man trotz allen Ärgers nicht vergessen, dass der Tatort, seit am 29. November 1970 Walter Richter als Kommissar Trimmel mit „Taxi nach Leipzig“ die Reihe eröffnete, zum Seelenspiegel der Deutschen geworden ist.

          Trimmel, das war noch, nur eckiger, der aufrechte Vater, der Deutschland auch sechzehn Jahre nach Heinrich Bölls „Haus ohne Hüter“ fehlte. Es kam 1972 Hansjörg Felmy, mürrisch, verletzlich, vereinsamt, ein Humphrey Bogart, um den man Amerika beneidet hatte, und einer, dessen Desillusion ihn für Achtundsechziger so akzeptabel machte wie für diejenigen, die sich ans Wirtschaftswunder klammerten. Nicole Heesters war 1978 die erste Kommissarin.

          Zu herb noch - absurd, wenn man an die rüpelige frühe Ulrike Folkerts denkt -, wurde sie 1981 durch Karin Anselm ersetzt. Sie, bekannt geworden durch die Serie „Der Bastian“, in der sie sich als Enddreißigerin auf eine Affäre mit einem chaotischen Studenten einließ, trug vermutlich ebenso viel zur Emanzipation bei wie Alice Schwarzers „Emma“.

          Fest der Schauspieler: Felix Murot (Ulrich Tukur) mit Jana Maitner (Martina Gedeck)

          Tukurs Gesicht verfolgt einen in den Schlaf

          Als im selben Jahr erstmals Götz Georges Horst Schimanski wütete, waren Proteste gegen den fluchenden, jeansbejackten Rüpel ein letzter Spießerhauch, der im Jubelsturm der Majorität verwehte; Ruhrpott statt Schwarzwald, Polizeiarbeit war Maloche und Koks mal schwarz, mal weiß. Bei Schimanski und seinen Berliner, Kölner und Münchner Gesinnungsgenossen respektive Kollegen erkannten die, die fünfzehn Jahre zuvor revoltiert hatten, dass der „Marsch durch die Institutionen“ nicht immer Kopf und Jeans kosten musste. Und denen, die geworden waren, wovor ihre Eltern sie nicht gewarnt hatten, erteilten der Choleriker und sein beschlipster Assistent Tanner ebenfalls Absolution.

          Kein politischer oder sozialer Missstand, den nicht ein „Tatort“ angeprangert, kein menschlicher Abgrund, in den er nicht geleuchtet hätte. Immer breiteren Raum gewann das Privatleben der Kommissare, immer vielschichtiger wurden ihre Charaktere. So spiegelten sie präzis die Facetten, in die sich weibliches und männliches Verhalten nach dem Ende der Rollenklischees aufgespalten hat. Beste Beispiele lieferte dafür das Frankfurter Duo: Andrea Sawatzkis aus Angst und Standhaftigkeit zusammengesetzte Kommissarin Sänger und Jörg Schüttaufs verschlossener Kommissar Dellwo, dem die Einsamkeit so im Nacken sitzt wie die eisern versteckte Verletzlichkeit, haben sich mit dem „Tatort. Das Böse“ in unser Gedächtnis gegraben. Darin war Ulrich Tukur ihr Partner. Er gab ein Monster unserer Tage, einen gutsituierten Geschäftsmann, der aus purer, entsetzlich disziplinierter Lust am Töten mordet. Tukurs Gesicht, als er auf das Reihenhaus der Eltern Charlotte Sängers zugeht, um die Tüllgardinenhölle in eine echte zu verwandeln, verfolgte einen bis in den Schlaf. Dieser atemraubende Schauspieler, wer wüsste es nach dem Rummel der letzten Wochen nicht, ist der neue „Tatort“-Ermittler des Hessischen Rundfunks.

          Alle laufen davon

          Sein Debüt ist mit dem vierzigjährigen Jubiläum und dem Fakt, fünfhundertster Film der Serie zu sein, doppelt belastet. Wenn nicht dreifach. Denn überall war zu lesen, dass Tukur erst nach endlosem Zureden den Vertrag unterzeichnete und sich einen Gehirntumor ins Drehbuch schreiben ließ, an dem sein LKA-Ermittler Felix Murot jederzeit sterben - und damit der Schauspieler die Rolle niederlegen kann.

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