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Tilo Prückner wird siebzig : Der Traum vom Fliegen

  • -Aktualisiert am

Ohne ihn hätte der deutsche Film anders ausgesehen: Der Schauspieler Tilo Prückner setzt nicht auf die Unterhaltung eines Massenpublikums, sondern überzeugt dieses mit seinem Qualitätsanspruch.

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          Als der Neue Deutsche Film noch jung war, also in den siebziger Jahren, war Tilo Prückner so etwas wie ein Star. Oder zumindest das, was sich ein Kino, das sich vom Unterhaltungsfilm abgrenzen wollte, an Starsein zuließ. Zum Vergleich könnte man Steve Buscemi heranziehen, der sich als Sonderling des amerikanischen Independent-Kinos langsam von den Rändern zum Zentrum vorarbeitete. Der Unterschied ist nur, dass im deutschem Film so eine Karriere dann unweigerlich zum Fernsehen führt. Weshalb Prückner heute den meisten eher bekannt sein dürfte durch seine Rollen als hypochondrischer Kripo-Assistent Gernot Schubert in „Adelheid und ihre Mörder“ oder als Robert Atzorns Partner Eduard Holicek im Hamburger „Tatort“.

          Aber man muss eben auch daran erinnern, dass der deutsche Film ohne ihn anders ausgesehen hätte. Der Augsburger Arztsohn hatte sein Jura-Studium abgebrochen, um Theater zu spielen. 1970 gehörte er mit Peter Stein zu den Gründungsmitgliedern der Schaubühne am Halleschen Ufer, wo sie aber für Prückners Geschmack „vor lauter Grundsatzdiskussionen gar nicht mehr zum Spielen gekommen“ seien.

          Hang zu historischen Filmstoffen

          Im Kino ging es hingegen schnell voran: Einer Rolle als Häftling Zick Zack in Hauffs „Verrohung des Franz Blum“ folgten Auftritte in Wolfgang Petersens „Einer von uns beiden“ und „Hans im Glück“, Ulf Miehes „John Glückstadt“ und als Hilfsarbeiter Laski in Brustellins/Sinkels „Berlinger“. Mit seiner Physiognomie, der ein stetes Staunen über den Zustand der Welt eingeschrieben scheint, fand er eine natürliche Heimat in historischen Stoffen: Als unglücklich verliebter Muckerl in Geißendörfers Anzengruber-Verfilmung „Sternsteinhof“, als Bauer in Uli Edels Oskar-Maria-Graf-Verfilmung „Der harte Handel“, als Gerd Minde in Heidi Genées Fontane-Verfilmung „Grete Minde“ und vor allem als Albrecht Ludwig Berblinger in Edgar Reitz' „Schneider von Ulm“, dessen Traum vom Fliegen als Schlag ins Wasser endet.

          Auch in der Gegenwart schien Prückner oft aus der Zeit gefallen, besonders in Niklas Schillings „Willi-Busch-Report“, in dem er als Reporter der „Werra-Post“ mit seinem Messerschmidt-Kabinenroller die Zonengrenze entlangrauscht. Dass er auch andere Töne beherrscht, hat Prückner in der Gauner-Komödie „Bomber und Paganini“ gezeigt, in der der blinde Mario Adorf ihn im Rollstuhl durch die Gegend schiebt. Das hätte auch Steve Buscemi nicht besser hingekriegt. Am heutigen Dienstag feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.

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