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„Tatort“ - „Vergessene Erinnerung“ : Sie macht immer zu vieles gleichzeitig

Sind Dementoren hinter ihr her? Maria Furtwängler als „Tatort”-Kommissarin auf der Flucht Bild: NDR/Christine Schröder

Aber der Surrealismus ist sehenswert: In der „Tatort“-Folge „Vergessene Erinnerung“ mit Maria Furtwängler als Hauptkommissarin Lindholm lavieren Regie und Drehbuch geschickt zwischen Mystery, Krimi und Groteske.

          In der neuen Folge fällt es einem zum ersten Mal so richtig auf: Der niedersächsische Tatort ist einer der wenigen ohne richtiges Ermittler-Team. Und auch privat bewegt sich bei Hauptkommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) nicht viel. Ihr Kind scheint kaum größer zu werden, und ihren schriftstellernden Mitbewohner (Ingo Naujoks) besprüht sie gerade mit so viel Charme, dass er, blind vor Liebe, motiviert bei seinen Babysitting-Einheiten bleibt.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Zwischenmenschlich also ist wenig zu holen für die Drehbuchschreiber des Hannoveraner Tatorts. Zum Ausgleich hat man sich in den ländlichen Teilen der Staffel auf das Ausspähen atmosphärisch besonders dichter Handlungsorte verlegt. Das kann eine Schrebergartenkolonie sein, das Wendland oder eben, wie in der neuen Folge, ein verwunschenes Dorf in der Nähe von Bad Zwischenahn.

          Mehr durch Zufall gerät Lindholm ins Herz des Ammerlandes. Auf der Rückfahrt von einem Lehrgang hat sie übermüdet das Navigationsgerät aus dem Blick verloren und ist in ein nebelwaberndes Waldreich gelangt. Sie nickt kurz am Steuer ein, weicht geistesgegenwärtig menschlichen Schemen auf der Straße aus und landet krachend im Waldgraben. Es gibt einfach zu viel Multitasking in ihrem Leben.

          Ein riskantes Experiment mit dem Zuschauer

          Was jetzt folgt, ist eine gänzlich überraschende, filmisch sehr sehenswerte surrealistische Drogenphantasie, in der Zeit und Raum zwischen Unfallort und Krankenzimmer in überblendeten Bildern verschwimmen. Gesichter tauchen auf und wieder ab, Weißkittel regulieren Infusionen, Trenchcoatträger liegen tot auf der Straße, ein Krankenbett fährt am Horizont eines bunten Abendhimmels vorüber, und eine Schnecke wächst zur Überlebensgröße heran, bevor man sie dann auf der Windschutzscheibe des Unfallwagens wiedersieht, auf der sie gemächlich davonkriecht.

          Hier hat die Realität den Zuschauer wieder eingeholt, und er fragt sich mit der taumelnden Kommissarin, was da eigentlich gerade geschehen ist. Wo ein Rausch war, müssen doch auch Drogen im Spiel gewesen sein. Hat Lindholm gerade einen Menschen überfahren? Und was hat es mit dem Umstand auf sich, dass an der Unfallstelle ein Kreuz mit dem Porträtbild einer Frau steht, die Lindholm auffällig ähnlich sieht? Der Film geht mit diesem immensen Erklärungsvakuum ein riskantes Experiment mit dem Zuschauer ein, denn die Handlung muss sich jetzt daran messen lassen, ob es ihr gelingt, dieses Motiv-Knäuel ohne allzu viele verbleibende Knoten zu entwirren.

          Die richtige Dosis wohliger Rätselhaftigkeit

          Überehrgeizig, wie sie ist, entlässt sich Lindholm selbst aus dem Krankenhaus, und als bei einem Besuch des Unfallorts plötzlich im angrenzenden Feld ein halmverdrängendes Etwas genau auf sie zustürmt, erwartet man als Zuschauer schon, sie werde gleich von Dementoren überfallen, da kracht ein Schuss aus dem Unterholz, und vor der Kommissarin liegt eine tote Wildsau. Bald darauf ist sie umringt von neugierigen Dorfbewohnern, die sofort beginnen, ihre jahrzehntealten Streitigkeiten auszutragen.

          Auch im weiteren Verlauf der Handlung lavieren Regie (Christiane Balthasar) und Drehbuch (Dirk Salomon und Thomas Wesskamp) geschickt zwischen Mystery, Krimi und Groteske. Doch auch, wenn man in der verwirrenden Handlung immer wieder aufatmet, sobald Lindholm mit ihren Ermittlungen Licht in die Sache bringt - sympathischer wird einem die Kommissarin dabei nicht. Überheblich dirigiert sie ihre künstlich unterbelichtete dörfliche Mitwelt (darunter mit schönen Auftritten: Max Hopp und Thomas Thieme) und legt dabei ein autoritäres Verhalten an den Tag, das man wohl als strategisches Gegengewicht zu den Alphaermittlern der anderen Sendeanstalten deuten kann. Es zeigt sich aber auch an dieser Stelle: Sie ist Opfer, diesmal Sympathie-Opfer, ihres Dauer-Multitaskings.

          An der Logik der Handlung könnte man vieles aussetzen, und auch der Aufklärungsprozess am Schluss, bei dem die Erdgasvorkommen Niedersachsens allen Ernstes als Mordmotiv erwogen werden, ist mit realistischen Maßstäben kaum zu schlucken. Doch der Folge gelingt es, die richtige Dosis einer wohligen Rätselhaftigkeit zu verbreiten, die es dem Zuschauer ermöglicht, das Geschehen mit Spannung bis zum Schluss zu verfolgen.

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