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„Tatort: Spargelzeit“ : Unser täglich Begehren

Die Herren Liefers (er ist Professor Boerne) und Prahl (Kommissar Thiel) stört es nicht, dass die Spargelzeit im Oktober längst vorüber ist Bild: WDR/Martin Menke

Das Ensemble des Münsteraner „Tatorts“ - Axel Prahl, Claus D. Clausnitzer, Jan Josef Liefers und Christine Urspruch - zeigt sich in Spiellaune. Die Handlung von „Spargelzeit“ ist aber buchstäblich aus der Zeit gefallen. Immerhin riecht es nach westfälischem Schinken.

          Der Spargelkönig Martin Pütz steht verdattert am Fenster seines Anwesens im Münsterländischen; blutüberströmt liegt im leeren Swimmingpool seine Frau. Professor Boerne, der gerade Weinkellner schikaniert, muss sein Feinschmeckeressen abbrechen, Kommissar Thiel eilt an den Tatort, wo er auf seinen Vater trifft, der verhaftet im Polizeiauto sitzt, man hat ihn beim Spargelklauen erwischt, nun steht er unter Mordverdacht.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die polnischen und rumänischen Spargelstecher, die Pütz nach Gutsherrenart behandelt, machen sich durch ihr verstocktes Schweigen verdächtig. In dieses Kartell schickt man am besten eine Undercover-Spargelstecherin: Thiels Assistentin Nadeshda, die keine Ahnung hat, aber ist es nicht so: „Kein Deutscher hat Ahnung vom Spargelstechen.“ Es wird schon niemand merken.

          Am „Tatort. Spargelzeit“ ist die Sendezeit nicht das Einzige, das unpassend erscheint. Wenig opportun wirkt auch die dramaturgische Komplexität dieser Episode. Denn nicht nur, dass es bei den Pützens ein veritables Familiendrama zutage zu fördern gilt, das Stoff genug hergäbe - Tochter Julia, eine Pferdenärrin mit Schnute, wurde vor zwei Jahren vergewaltigt, der Täter läuft frei herum; die nunmehr (und deswegen?) erstochene Mutter nahm es mit der ehelichen Treue nicht so genau, während der Vater schlaff und schuldbeladen durch die Szenerie läuft.

          Nicht ohne „Alberich” Silke (Christine Urspruch): Professor Boerne (Jan Josef Liefers) mal wieder arrogant

          Aber nein, es muss neben den notorischen Kompetenzrangeleien auch noch die Ausländer- und Wanderarbeiterproblematik verwurstet werden, leider auf dem Niveau von „Polacken“-Sprüchen und dumpfestem Ressentiment. Einmal spielt Thiel sogar den Westentaschen-Hannibal-Lecter: „Was begehren wir am meisten? Das, was wir täglich sehen.“

          So muss man sich schadlos halten an den Frotzeleien zwischen Thiel, Vater Thiel, Boerne und Alberich - wir sehen das Ensemble Axel Prahl, Claus D. Clausnitzer, Jan Josef Liefers und Christine Urspruch in Spiellaune -, die so deftig sind wie westfälischer Schinken. Das rettet, so gerade noch, das Hauptgericht, das man unter anderen Umständen hätte zurückgehen lassen. Irgendetwas stimmt mit dem Rezept (Regie: Manfred Stelzer, Buch: Peter Zingler und Jürgen Werner) nicht, und es ist ja schon Oktober. Aber die nächste Spargelzeit kommt.

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