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„Tatort - Rendezvous mit dem Tod“ : Keppler, der Ehekriegsheimkehrer

Hauptkommissar Keppler (Martin Wuttke) ist im Dienst, auch wenn es nicht so aussieht. Birgit Hahn (Renate Krößner) liebt ihren Mann immer noch, auch wenn es nicht so aussieht und sie ihn vielleicht ermordet hat. Bild: MDR/Saxonia Media/Junghans

Ehebruch wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft, der Versuch ist nicht straflos: So lautet die Quintessenz des neuen „Tatorts“ aus Leipzig. Die Aufklärung der Serienmorde gerät zunächst zäh wie Urteilsprosa, wartet aber mit einer grausigen Überraschung auf.

          „Artikel 6 Absatz 1 des Grundgesetzes in Verbindung mit Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes schützt als wertentscheidende Grundsatznorm die Ehe als Lebensgemeinschaft gleichberechtigter Partner, in der die Ehegatten ihre persönliche und wirtschaftliche Lebensführung in gemeinsamer Verantwortung bestimmen und bei der die Leistungen, die sie im Rahmen der von ihnen in gemeinsamer Entscheidung getroffenen Arbeits- und Aufgabenzuweisung jeweils erbringen, als gleichwertig anzusehen sind.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          So vor wenigen Tagen das Bundesverfassungsgericht (Aktenzeichen 1 BvR 918/10). Der Ausstrahlung des jüngsten Leipziger „Tatorts“ steht nach dieser Entscheidung des Ersten Senats juristisch nichts im Wege.

          Ja, man kann sogar umgekehrt sagen, dass dieser Kriminalfilm von Buddy Giovinazzo nach einem Drehbuch von Clemens Schönborn und Meike Hauck erst jene Urteilsgründe liefert, die manche Gerichtsbeobachter bei der Erstlektüre des Karlsruher Beschlusses vermisst hatten. Die Richter hatten sich nämlich scheinbar ins Fachgebiet der Drehbuchautoren verirrt, als sie im Zuge weitläufiger Ausführungen über die Anrechnung „fiktiver Einkünfte“ in Unterhaltssachen schließlich die Fiktion einer auch über die Wiederverheiratung hinaus schicksalhaft fortdauernden Ehe hervorbrachten.

          Auch sie wird mit dem Neuen nicht recht glücklich: Eva Saalfeld (Simone Thomalla) mit Dr. Holsten (Oliver Bootz), der die Nacht in ihrem Bett verbracht hat.

          Geschiedene Leute bleiben aneinander gekettet

          Nicht nach den „wandelbaren ehelichen Lebensverhältnissen“ eines Zweitvermählten habe sich der Unterhalt zu bemessen, muss der Bundesgerichtshof sich sagen lassen, sondern nach den „ehelichen Lebensverhältnissen“ der Erstehe, die nach deren Ende ex hypothesi unwandelbar sind. So weit, so kontrafaktisch, so hoffnungslos romantisch. Und jetzt kommt der „Tatort“ und beweist an seinen erfundenen Figuren, dass es wirklich so ist im Leben der Leidenschaften und geschiedene Leute aneinander gekettet bleiben, bis dass der Tod sie von seelischen Unterhaltsbedürfnissen entlastet.

          Da ist Frau Hahn (Renate Krößner), die ihren Mann zwar betont nur ihren Ex-Mann nennt, den sie gefesselt, geknebelt und verdurstet in der Badewanne der unehelichen Wohnung angetroffen hat. Die aber diesem Goldmünzsammler und Marmorstatuettenhamsterer keineswegs die späte Liebe zum Klavierspiel und zur Klavierlehrerin (Nadeshda Brennicke) gegönnt hat. Selbst dass sie für Kommissar Keppler (Martin Wuttke) an der Bar seiner Absteige die Schulter entblößt, ist keine konkludente Erklärung des Willens zur Wandelbarkeit im Sinne des BGH. Keppler erinnert sie nämlich an ihren Mann.

          Er nimmt die Straßenbahn nach Wiesbaden

          Und da sind die Kommissare Keppler und Saalfeld (Simone Thomalla) selbst. Früher Herr und Frau Keppler beziehungsweise Frau und Herr Saalfeld. Keppler versteht die wertentscheidende Grundsatznorm so, dass nach dem Ende des Ehelebens auch die Arbeits- und Aufgabenzuweisung nicht mehr in gemeinsamer Entscheidung zu treffen ist. Er rückt den Schreibtisch weg, betreibt seine Beförderung und sucht sich einen anderen Fall.

          Seine Partnerin aber wird nicht glücklich mit ihrem gut gebauten promovierten Tisch- und Bettgefährten, sondern trauert dem Verflossenen oder besser Vertrockneten nach, der im grauen Schlotteranzug aussieht wie der letzte Kriegsheimkehrer. Und wie die zwei Fälle sich natürlich als einer erweisen, so nimmt Keppler am Ende nicht die Straßenbahn nach Wiesbaden.

          Die Aufklärung der Serienmorde gerät zunächst zäh wie Urteilsprosa, wartet aber mit einer grausigen Überraschung auf. Leitsätze: Ehebruch wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft. Der Versuch ist nicht straflos.

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