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„Tatort“ : Ihr seid hier nicht in Istanbul, sagt der Inspektor

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Er greift halt durch: Harald Krassnitzer mit Sinan Al Kuri im „Tatort. Baum der Erlösung” Bild: rbb/ORF/Cult-Film/Bernhard Berge

Minarettstreit und Zwangsheiraten in einem Tiroler Dorf - so etwas verlangt, wie man im österreichischen Innenministerium findet, eine „sensible Handhabung“, und deswegen muss der krankgeschriebene „Tatort“-Chefinspektor Eisner einrücken.

          Minarettstreit und Zwangsheiraten in einem Tiroler Dorf - so etwas verlangt, wie man im österreichischen Innenministerium findet, eine „sensible Handhabung“, und deswegen muss der wegen eines Wespenstichs krankgeschriebene Chefinspektor Eisner einrücken, von dem offenbar nicht zu befürchten ist, er werde den türkischen Teil der Bevölkerung mit Sprüchen nach Art von „Wir sind hier nicht in Istanbul“ reizen. Jemand vom Schlage eines Derrick - er ruhe in Frieden - wäre mit der Materie wohl überfordert gewesen; nicht so der alleinerziehende Vater, der seiner Tochter mit Kontrollanrufen am Handy zusetzt und sich geduldig mit dem Vornamen anreden lässt: „Moritz, du nervst.“ Aber was macht Eisner im tirolisch-türkischen Milieu? Er greift durch wie sonst auch: „Ihr seid hier nicht in Istanbul!“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Das sind sie weiß Gott nicht. Klaus Larcher, der Wortführer derer, für die „einheimisch“ so viel bedeutet wie „reinrassig“, sorgt dafür, dass sich die Migranten nicht allzu heimisch fühlen. Zu dumm nur, dass sein Sohn Christian die Türkin Melisa liebt, Schwester jener unglückseligen Ayse Ozbay, die in einer Reihe von Selbstmorden den jüngsten Fall darstellt. Die türkischen Mädchen hatten sich reihenweise aufgehängt, weil sie mit der Wahl des Ehemanns nicht einverstanden waren, und der Baum, an dem das geschah, heißt deswegen schon „Baum der Erlösung“ und gibt diesem „Tatort“ den Titel.

          Ayse aber, so wird schnell deutlich, hing nicht freiwillig daran; auch sie hatte einen einheimischen Freund, der aber mit eingeschlagenem Schädel aus einem See geborgen wird. Es könnte einer von Ayses Brüdern gewesen sein - vor allem der rabiate Serkan böte sich an -, es könnte aber auch einer aus dem Tiroler Lager zur Tat geschritten sein, denn dort ist man mit derlei Verbindungen noch weniger einverstanden. Larchers zweiter Sohn Georg spricht es aus: „Wenn wir uns mit denen vermischen, löschen wir uns aus.“ Die bornierte Angst vor der Überfremdung übersieht, dass die Zugewanderten vor allem deshalb als so bedrohlich erscheinen, weil sie sich durch Eigenschaften auszeichnen, die man normalerweise hochhält: Fleiß, Tüchtigkeit. Vier Pizzerien sind schon in türkischer Hand - wenn das so weitergeht, hat man bald auch Türken im Rathaus sitzen.

          Von Samuel Huntington hätte das Drehbuch sein können

          Unwillkürlich muss man bei dieser im vergangenen Sommer gedrehten Episode an zwei prominente Tote des alten Jahres denken: Jörg Haider hätte hier einen glaubwürdigen Ortsbürgermeister abgegeben, der die Leute aufhetzt; von Samuel Huntington hätte das Drehbuch sein können, das jeden moralisierenden Unterton meidet. Hier prallen die Kulturen zwar kräftig, aber mit beängstigender Ruhe aufeinander. Präzise greifen die Rädchen aus Vorurteil, Abneigung und Hass ineinander: Wozu brauchen die Türken zum Beten denn auch ein mehr als zwanzig Meter hohes Minarett? Und jetzt, wo alles drunter und drüber geht, kann man's ja sagen: Damals, nach dem 11. September, da haben die Türken hier im Ort doch gefeiert - oder nicht?

          Inmitten dieser unverkniffen arrangierten Gemengelage ermittelt der mit dem Wespenstich: Wenn es um Mord geht, kennt Eisner keine Ausländer und keine Einheimischen - das macht seine unbestechliche Rechtsstaatlichkeit aus. Er weiß, dass Multikulti in diesem Fall nicht hilft, ein Vorschuss gegenüber den Tirolern auch nicht. Mehr und länger als sonst bleibt in der Schwebe, wer es war. Ein spannender, hochalpiner Showdown ist noch nicht das Ende dieses sehr guten, bestens besetzten „Tatorts“. Eisner will danach mit seiner Tochter Urlaub machen, aber die hat jetzt einen Freund, und der soll mit. Nun raten Sie mal, woher der stammt.

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