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„Tatort“ aus Münster : Der Karl Lagerfeld der Pathologie

Professor Börne (Jan Josef Liefers, links), der Tatverdächtige Andreas Lechner (Tobias Schenke) und Assistentin Alberich (ChrisTine Urspruch) Bild: ddp

Dusche kaputt, Dachboden klamm: Der Münsteraner „Tatort“ hat es heute mit zwei Mordfällen zu tun, die zweitausend Jahre auseinanderliegen. Aber die Folge „Der Fluch der Mumie“ meistert alle Drehbuchkurven.

          So hat man Professor Börne noch nicht gesehen: auf den Knien, die Hände wie zum Gebet gefaltet, den Blick flehentlich erhoben. Dabei beherrscht er die Kunst, noch aus der Rückenlage blasiert auf den Rest der Welt herabzublicken. Aber diesmal ist ihm keine Geste zu viel, kein Preis zu hoch. Er hat sogar Blumen mitgebracht. Börne braucht Alberich, seine wegen Grippe krankgeschriebene Assistentin im rechtsmedizinischen Institut. Denn es geht nicht allein um Mord, das sonntägliche Brot im Münsteraner „Tatort“, sondern um weit mehr: Börnes wissenschaftliche Ehre steht auf dem Spiel. Außerdem muss er dringend duschen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn Börne und sein Mieter, Kommissar Frank Thiel, sitzen auf dem Trockenen. Aus dem Wasserhahn rieseln nur ein paar Tropfen rostig brauner Brühe auf die Zahnbürste des Kommissars, weil ein Wasserrohr im Keller des Börneschen Mietshauses marode ist. Handwerker aber machen Lärm und kosten Geld. Schlimmer noch: Sie bilden sich ein, von ihrem Beruf mehr zu verstehen als der habilitierte Hausherr. Also bleibt die Dusche nach kurzem Wortwechsel mit dem Klempner unrepariert und das Ermittlerpaar weitgehend ungeduscht. Während der Professor, der auch Alberichs Reihenhäuschen ungewaschen wieder verlassen muss, immerhin noch in den Golfclub ausweichen kann, bleibt dem notorischen Radfahrer Kommissar Thiel am Ende nur das Schonprogramm in der Autowaschstraße.

          Wie kommt Ataxerxes auf einen Dachboden in Münster?

          Axel Prahl und Jan-Josef Liefers als Thiel und Börne bilden im Kreis der „Tatort“-Kommissare die Soko für Gags und Pointen, die diesmal vor allem aus der stillgelegten Dusche sprudeln. Die Spannung erwächst in Münster ja in der Regel weniger aus den Fällen, als vielmehr aus der Frage, ob es Liefers gelingt, seine Lust am Chargieren rechtzeitig vor der nächsten Drehbuchkurve wieder unter Kontrolle zu bringen. Und an dramaturgischen Kurven herrscht in diesem „Tatort“ kein Mangel: Schließlich wurden, wie sich am Ende zeigt, zwei Mordfälle, die scheinbar mehr als zweitausend Jahre auseinanderliegen, von ein und demselben Täter begangen.

          Axel Prahl als Hauptkommissar Frank Thiel (links) und Jan Josef Liefers als Professor Karl-Friedrich Boerne in der Tatort-Folge „Der Fluch der Mumie”

          Der erste Tote ist ein schikanöser Beamter der Justizvollzugsanstalt, der zweite angeblich eine archäologische Weltsensation: Die Mumie, die Thiels Vater beim Tagelöhnern auf dem Dachboden einer alten Villa gefunden hat, soll Ataxerxes gehören, dem Sohn des persischen Großkönigs Kyros. Für den ersten Mord ist mit Alberichs Brieffreund, dem soeben aus dem Knast entlassenen Andreas Lechner rasch ein Verdächtiger gefunden, beim zweiten Toten wird erst einmal um Zuständigkeiten gerungen. So entbrennt ein Zweikampf der Eitelkeiten zwischen Archäologie und Rechtsmedizin.

          An den Mullbinden der Mumie herbeigezogen

          Börne, unaufhaltsam auf dem Weg, zum Karl Lagerfeld der Pathologie zu werden, gerät dabei an den Mumienfachmann Professor Kastner, den Justus von Dohnányi wie ein Alter Ego Börnes anlegt: ebenso brillant und blasiert, geltungsbedürftig und anmaßend wie Börne, aber diesem auf dem weiten Feld des Wahnsinns doch noch ein gutes Stückchen voraus.

          Mit „Fluch der Mumie“ ist den Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter eine der besten Münsteraner „Tatort“-Folgen seit langem gelungen. Der Fall ist zwar recht verwickelt und im Grunde schamlos an den endlos langen Mullbinden der Mumie herbeigezogen, aber am Ende geht doch irgendwie alles auf vergnügliche Weise auf. Nur die Verfolgungsfahrt im Hafengebiet hätte man sich sparen können - Münster ist nun mal nicht Duisburg. Aber vor allem dürften die Autoren mit dieser Folge glücklich einige Weichen für die Zukunft gestellt haben.

          Beziehungsdynamik der Ermittler

          Die Qualität des „Tatorts“ steht und fällt ja seit langem mit der Beziehungsdynamik der Ermittlerpärchen. Das Hauptmuster - „einsamer Wolf mit treuem Freund“ -, bewährt seit Holmes und Watson, wird mehr oder weniger mühsam variiert. Sentimental bis rustikal: Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) in Köln. Rührend bis komisch: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) in Ludwigshafen. Brillant bis nervig: Andreas Keppler (Martin Wuttke) und Eva Saalfeld (Simone Thomalla) in Leipzig.

          Bevor auch Börne und Prahl allzu große Abnutzungserscheinungen davontragen, erhalten nun die Nebenfiguren Alberich und Krusenstern mehr Raum. Diesen Assistentinnen, gespielt von Christine Urspruch und Friederike Kempter, ist noch einiges zuzutrauen. Wahrscheinlich können sie sogar klempnern.

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