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"Tatort" aus München : Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst

  • -Aktualisiert am

Vollzugsbeamtin als Fluchthelferin: Anneke Kim Sarnau in der Rolle der Marie Hoflehner Bild: BR/Kerstin Stelter

Ist es wirklich so einfach? Ein Häftling träumt von der algerischen Wüste, eine Beamtin verhilft ihm zur Flucht. In dem dramatischen „Tatort. Die Heilige“ werden die Münchner Kommissare zu Randfiguren.

          Wer ist es wert, gerettet zu werden? Hassan Adub (Medhi Nebbou) ist es. Das glaubt zumindestens Marie Hoflehner (Anneke Kim Sarnau). Sie ist Vollzugsbeamtin in einem grauen, unwirtlichen Gefängnis, in dem – etwas überzeichnet – äußerst brutale Verhältnisse herrschen. Der Häftling Hassan Adub flieht mit ihrer Hilfe. „Die Heilige“ Marie glaubt an ihn, an den sensiblen Mann, der von der algerischen Wüste träumt und in seine Heimat zurück will. Er ist bärtig, hat große, liebevolle braune Augen. Sie rasiert ihn, sie schneidet ihm die Haare. Sie kleidet ihn gut ein. Sie schlafen zärtlich miteinander. Sie macht aus ihm einen guten Menschen. Sie gibt ihm eine zweite Chance. Sie ist zum Greifen nah: Hassan muss nur in den Zug gen Italien steigen. Er dreht und wendet sein Ticket in der Hand. „Komm’ gut nach Hause Hassan“, hatte ihm Marie noch hinterher gehaucht. Doch in diesem Krimi ist nichts so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Nicht die beschworene algerische Wüste und auch nicht die etwas biedere Vollzugsbeamtin.

          Der „Tatort. Die Heilige“, bei dem Jobst Christian Oetzmann Regie geführt und gemeinsam mit Magnus Vattrodt auch das Buch geschrieben hat, ist dramaturgisch so eng geführt, dass kaum Luft zum Atmen bleibt und jeder noch so kleine Hinweis auf Handlung und Charaktere die Gefahr birgt, den Showdown zu verraten. Dieser Film hat es in sich.

          Die Ratten lassen Klobürsten tanzen

          Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sitzen – während Hassan und Marie die große Flucht planen – im Keller der JVA in einem sehr unwirtlichen Ermittlungsbüro à la „The Wire“. Die Ratten lassen dort Klobürsten tanzen. Warum sind sie die beiden da? Es hat einen Toten geben. Den Zellengenossen von Hassan: Nic Schuster (Sascha A. Gersak), ein ungemütlicher Junkie, der mit hartem Stoff über eine Shampooflasche in den Duschräumen versorgt wird. Er hatte einen Mithäftling mit dem Messer bedroht und als Geisel genommen, um selbst seinen Weg in die Freiheit antreten zu können. Batic und Leitmayr werden gerufen: Sie hätten ihn hier reingebracht, sie sollten jetzt dafür sorgen, dass er den Weg wieder rausfindet. „Ich geh sonst drauf“, brüllt Schuster.

          Ratlos im Kellerbüro: die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl)

          Das SEK aber verhindert seine Flucht mit einem Streifschuss. Auf die Frage, wovor er Angst habe, antwortet er: „Wissen Sie, hier drinnen hat jeder vor etwas Angst“. Zwölf Stunden später ist er tot: Er hat sich einen goldenen Schuss gesetzt. Der Stoff war nicht sauber. Der Beamte Beckmann (Dietmar Mössmer) hatte die Schreie des Süchtigen nicht mehr ausgehalten und ihn zum Duschen gebracht. Sein Verhängnis.

          Ein Verwirrspiel mit sanftem Schnitt und vielen Überblendungen

          Alle hängen mit allen zusammen: Hassan, Schuster und auch der liebliche Bilder malende Charly Bause (Heinz-Josef Braun), der lebenslang sitzt und nichts mehr zu verlieren hat. In jeder Sekunde des Films wäre jedem auch das genaue Gegenteil dessen zuzutrauen, was man zu sehen meint. Zeitsprünge vermischen die Perspektiven. Der Kameramann Hanno Lentz, die Cutterin Susanne Hartmann und der Regisseur haben für dieses Verwirrspiel einen sanften Schnitt mit vielen Überblendungen gewählt, der zulässt, in den Zeiten zu springen, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und trotzdem die Handlung konzentriert weiterzuführen, sich nicht zu verkünsteln.

          Wird es tragisch enden? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Sicher ist, dass dieser „Tatort“ nichts von der altbekannten Geschichte hat, in der sich eine Gefängniswärterin in einen geläuterten Gefangenen verliebt und alles für ihn tut. Hier brechen wir ab mit dem Zitat: „Man sieht dem Hassan gar nicht an, wie schnell der sein kann.“

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