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„Tatort“ aus Frankfurt : Der Flur des Präsidiums ist ihr Laufsteg

Hessische Verhältnisse: Kommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf) ist ein echter Feger, ihr Kollege Frank Steier (Joachim Król) bleibt eine schemenhafte Figur Bild: Hessischer Rundfunk

Das neue „Tatort“-Gespann aus Frankfurt tritt an: Die ungewohnt weibliche Nina Kunzendorf ist eine aufregende Ermittlerin, Joachim Król langweilt als misslauniger Einzelgänger. Der Fall ist gegen den üblichen Krimi-Strich gebürstet.

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          Wenn sie auftritt, verwandeln sich die tristen Flure des Frankfurter Polizeipräsidiums in der Adickesallee in einen leuchtenden Laufsteg. „Ihren Schritten nach“, sagt Hauptkommissar Frank Steier, als er seiner Kollegin Conny Mey erstmals begegnet, „hatte ich ein Pferd erwartet“. Ja, die silbergestreiften Cowboy-Stiefel, die sie trägt, machen nicht nur Lärm auf dem Flur, sie machen auch was her.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das gilt für ihren ganzen Mode-Auftritt, für den Nietengürtel, der ihre enge Jeans ziert, für die Creolen, die ihre Ohren schmücken, für das Tattoo am linken Unterarm, die unendliche Halskette und die Jeansweste über dem pinkfarbenen Top, das fast nur aus Ausschnitt besteht. „Die ist ja echt geil“, tuscheln die Kerle über sie, wenn sie vorüberrauscht. Es ist, als sei Julia Roberts nun im „Tatort“ angekommen, denn Kommissarin Mey kann ohne weiteres als Rollensynthese aus „Pretty Woman“ und „Erin Brockovich“ durchgehen.

          Aber es ist natürlich nicht Julia Roberts, der wir begegnen – es ist, zu unserer nicht geringen Überraschung, die Schauspielerin Nina Kunzendorf, die wir von ihren bisherigen Kino- und Fernsehauftritten ganz anders in Erinnerung hatten: stets etwas verhärmt und elegisch, stets weiblich überfordert und von eher viriler Spröde.

          Zwangsneurotiker, Psychopath, vielleicht aber auch nur ein betrogener Vater: Taxifahrer Döring (Justus von Dohnányi)
          Zwangsneurotiker, Psychopath, vielleicht aber auch nur ein betrogener Vater: Taxifahrer Döring (Justus von Dohnányi) : Bild: Johannes Krieg

          Gutmenschentum und Helferkacke

          Frau Kunzendorf sieht das genau so und freut sich im Presseheft des Hessischen Rundfunks deshalb „über den größtmöglichen Kontrast“ zum für sie üblichen Repertoire. In der Tat, sie kann als Kommissar-Debütantin im „Tatort“ nun „forsch, saftig und gradeaus“ sein und sie darf „Humor“ haben. Selbst die „emotionale Intelligenz“, die sie ihrer Rolle zuschreibt, kann man ihr abnehmen, sofern man darunter auch die Naivität einer friedensbewegten Göre mit dem Mädchentraum von einer „besseren Welt“ subsummieren darf. „Wissen Sie was, Frau Mey?“ – es ist aufs Neue Frank Steier, der stänkert – „Sie gehen mir mit Ihrem Gutmenschentum und Ihrer Helferkacke so was von auf den Geist“.

          Steier hat ja nicht ganz Unrecht, sollte aber zuallererst vor der eigenen Türe kehren. Denn so krass und wohlgelungen seine Kollegin vom Drehbuchautor und Regisseur Lars Kraume (Fernsehpreis 2007 für „Guten Morgen, Herr Grothe“) in Szene gesetzt wird, so schrecklich langweilig und klischeebeladen muss sich Steier durch die Handlung schleppen.

          Bitte keine einsamen Polizei-Wölfe mehr!

          Ja, klar – die neuen Frankfurter Ermittler sollen und werden als Nachfolger von Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf weitere Entfaltungschancen erhalten. Aber die einzige Chance, die der Kommissar des Joachim Król noch haben kann, ist ein radikaler Paradigmenwechsel – an einsamen, verschlossenen, unrasierten, unbeweibten, unverstandenen und sich selbst vernachlässigenden Polizei-Wölfen in oder schon jenseits der Midlife Crisis haben wir uns jedenfalls entschieden satt gesehen.

          Am Ende der Debütfolge, die zugleich der achthundertste „Tatort“ aller Zeiten ist, bricht Steiers Kreislauf zusammen. Frau Mey hält in der Intensivstation das Händchen des Bewusstlosen und flüstert ihm unerhört zu, er möge doch bitte, bitte wieder gesund werden, denn sie wolle so gerne mit ihm weiterarbeiten. Womit Steier ihr Herz erreicht und erobert hat, bleibt zwar unerfindlich, aber dass er es hat, wollen wir mal glauben. Und im Glauben liegt ja immer auch eine Chance: Warum soll Steier nicht wie Lazarus von den Scheintoten auferstehen, um fürderhin einen veritablen Phönix aus der Asche zu geben? Endlich mal eine Aufgabe für den rollenunterforderten Król.

          Und der Bösewicht?

          „Eine bessere Welt“ überzeugt immer dann, wenn Lars Kraume die Geschichte wirklich konsequent gegen den üblichen Krimi-Strich bürstet. So fehlt zumindest zunächst eine richtige Leiche. Wahrscheinlich wird so etwa in der Mitte der Folge mal eine Katze ermordet – oder doch nicht? Ob es den Angestellten (Max Philip Koch) wirklich erwischt hat, enthält man uns vor – warum eigentlich?

          Plausibel auserzählt wird hingegen die Psyche der Postbotin Miriam, die Vicky Krieps mit elegischer Undurchsichtigkeit ausstattet. Der Polizeipsychologe Behnken (Arnd Klawitter) trägt dazu allerdings wenig bei. Er geht einem mit seinem berufsklischierten Jargon – „Und was macht das nun mit Ihnen?“ – nicht minder auf den Geist als Steiers Dauermelancholie, die sich immerhin einmal zu einer Heldentat aufrafft: Der Kommissar rückt trotz seines schlechten Gewissens einem befreundeten Kollegen, mit dem er schon Jahrzehnte lang seine Kegelabende verbringt, wegen möglicher Dienstvergehen gehörig auf die Pelle.

          Und der Bösewicht? So richtig scheint es den auch nicht zu geben. Weshalb die ambivalente Figur des entweder zwangsneurotischen oder doch nur um sein Vaterrecht betrogenen Taxifahrers Döring (Justus von Dohnányi) nicht wenig überzeugt. Das Finale in den Fluren des Polizeipräsidiums mag etwas aufgesetzt sein, schlecht es nicht. Schon weil die Flure dann wieder als Laufsteg dienen.

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