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„Tagesschau vor zwanzig Jahren“ : Die Völkerwanderung beginnt in den Sommerferien

19. August 1989: DDR-Flüchtlinge passieren die Grenze nach Österreich Bild: picture-alliance / dpa

Im August 1989 sind fast alle Politiker und Korrespondenten in Urlaub. DDR-Bürger nutzen ihn zum Sturm auf Budapest und Prag. Die „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ zeigt, wie es zur Wende kam.

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          Politik, die westlich des Rheins gemacht wurde, Politiker, die in Paris, London oder Washington Verantwortung trugen: sie kamen in den einunddreißig Ausgaben der „Tagesschau“ vom August 1989 schlichtweg nicht vor. Die Westpolitik hatte Urlaub, die führenden Politiker schienen allesamt zeitparallel ebenso in den Ferien zu sein wie die dortigen Fernsehkorrespondenten der ARD. Von den Mächtigen des Westens erschien lediglich Frankreichs Staatspräsident François Mitterand auf den bundesrepublikanischen Bildschirmen, fünf Tage vor Monatsende und auch nur wenige Sekunden lang. Mitterand nahm an einem Festakt zum zweihundertsten Jubiläum einer urdemokratischen Manifestation teil: der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die Pariser Nationalversammlung am 26. August 1789.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Aber auch in der Sowjetunion blieb es vergleichsweise ruhig. Hatten Nachrichten und Berichte über deren Nationalitätenkonflikte und Bergarbeiterstreiks noch im Juli vielfach und minutenlang die „Tagesschau“-Viertelstunde eröffnet, rangierten nun die kurzen und bilderlosen Meldungen von den gegen Moskau gerichteten Protesten in Moldau und der umstrittenen Wahlrechtsänderung in der Teilrepublik Estland unter „ferner liefen“: 40.000 Russen traten dort in den Streik, weil ihnen das Parlament in Tallinn das passive Wahlrecht erst nach einem zweijährigen, das aktive erst nach fünfjährigem Aufenthalt im baltischen Land gewähren wollte. Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, in den zurückliegenden Monaten noch der unumstrittene „Tagesschau“-Star, war indes völlig von der Bildfläche verschwunden, nicht ein einziges Mal wurde sein Name auch nur erwähnt.

          Polen und Ungarn im Mittelpunkt

          Dafür rückten zwei Länder in den Mittelpunkt, die formal noch fest im Warschauer Pakt verankert waren, ihn durch ihre inneren Reformen und entgegen allen linientreuen Lippenbekenntnissen aber bereits merklich destabilisierten: Polen und Ungarn. Zum 1. August 1989 hatte die noch kommunistische Regierung in Warschau die Lebensmittelpreise freigegeben - von einem Tag auf den anderen kosteten allein die Grundnahrungsmittel mehr als doppelt soviel. Spontane Arbeitsniederlegungen waren die Folge. Sie brachten vor allem die Gewerkschaft Solidarität in die Bredouille. Unter Lech Walesa schickte sich Solidarnosc erfolgreich an, dem am 2. August gewählten neuen Ministerpräsidenten Kiszczak die wohl kürzeste Amtszeit zu bescheren, die je einem kommunistischen Funktionär zuteil wurde - bereits am 24. August war er durch Walesas Mitstreiter Tadeusz Mazowiecki ersetzt. „Ein bewegender Moment“ sei dies, reportierte der ARD-Korrespondent Dierk-Ludwig Schaaf aus Warschau. Es war, weit mehr noch, der erste Systemwechsel im Osten Europas.

          Aber zugleich trieben der Hunger und die Not das Volk auf die Straße - ausgerechnet jene Gewerkschaft, die die Menschen gegen den Kommunismus mobilisiert und nun de facto die Macht übernommen hatte, musste den Massen umgehend Einhalt gebieten. Am 26. August richtete Walesa im amerikanischen Fernsehen einen dramatischen Appell an die Weltöffentlichkeit, in dem er ihr vorwarf, Polen entschieden zu wenig Unterstützung zukommen zu lassen - am 29. August begann die Europäische Gemeinschaft mit ihrer „Nahrungshilfe“ für Polen, die zumal aus bundesrepublikanischen „Überschussbeständen“ kam und fürs Erste 10.000 Tonnen Rindfleisch umfasste. Auch der erste Staatsgast, den Mazowiecki empfing, kam aus Bonn.

          Geschwächter Kanzler

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