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Strategien im Dschungel : Im Angesicht des Erbrechens

Orientierungslos im Dschungelcamp: Sarah Knappik Bild: RTL

Das Dschungelcamp ist das Labor, in dem das Fernsehen seine Grenzen testet. Und das schon seit sieben Jahren. Dabei ist es ganz einfach: Wer seine Würde behalten will, muss das hysterische Prinzip der Show mit Gelassenheit aushebeln.

          Man braucht nicht viel, um den Untergang des Abendlandes zu bewirken, ein paar Kakerlaken und ein paar schlechte Witze reichen. Seit einer Woche zeigt RTL die sechste Staffel der Sendung „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“, und sofort waren sie wieder alle da, die Klagen über die Banalität der Show, die Blödheit der Kandidaten und die Bosheit der Moderatoren. Es ist beeindruckend, wie souverän es der Sendung noch immer gelingt, dieselben Ressentiments hervorzurufen, die sie schon bei ihrer Premiere vor sieben Jahren weckte.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Natürlich gibt es gute Gründe, das Dschungelcamp für eine ästhetische Zumutung zu halten. Und um sich über die zynischen Kalauer von Dirk Bach und Sonja Zietlow amüsieren zu können, muss man es erst einmal schaffen, die menschenverachtende Schrillheit der beiden Moderatoren zu überwinden. Wer aber wissen will, wie Fernsehen heute funktioniert, der kann die komplexe Show beim besten Willen nicht als anspruchslos zurückweisen.

          Im falschen Format

          Das Dschungelcamp ist das Labor, in dem das Fernsehen seine Grenzen testet, auch diesmal wieder vor einem Rekordpublikum von abendlich bis zu acht Millionen Zuschauern. Dabei finden weitaus interessantere Experimente statt als jenes, welches verlässlich ermittelt, ob die moralischen Empörungsreflexe der Öffentlichkeit noch funktionieren. Es geht dabei schon auch darum, den Grad der Demütigungen allmählich zu erhöhen: In dieser Staffel etwa testet RTL, ob auch Elektroschocks ein akzeptables Mittel zur Erzeugung von Schadenfreude im Publikum sein können. Viel wichtiger jedoch sind jene Wechselwirkungen, die sich, ganz unabhängig von den Härten der sogenannten Dschungelprüfungen, zwischen den Interessen der unterschiedlichen Parteien ergeben, also zwischen jenen der Kandidaten, des Senders und der Zuschauer. Dass dabei nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Darstellern von Staffel zu Staffel das Bewusstsein dafür wuchs, auf welches Spiel sie sich einlassen, erhöht eher den Reiz.

          Testfall fürs Überleben in den Medien: Das Dschungelensemble

          Die jeweilige Taktik, mit welcher die Kandidaten versuchen, sich in dem und gegen das besondere Setting jener inszenierten Wirklichkeit zu behaupten, sind dabei nicht nur für deren Erfolg im Dschungelspiel ausschlaggebend. Exemplarisch werden dort Strategien erprobt, wie sich persönliche Identitäten und Lebensmodelle ganz allgemein unter den Bedingungen medialer Kontrolle gestalten lassen, die längst auch außerhalb dieses speziellen Camps gelten. Selbst (oder gerade) Kandidaten wie die eher unbedarft wirkende Sarah Knappik, die völlig orientierungslos zwischen ihrem Selbstbild und den Zuschreibungen der Zuschauer und Mitstreiter umherirrt, richten ihr ganzes Handeln an den Maximen medialer Präsentation aus. Das komplette Wertesystem der ehemaligen Teilnehmerin von „Germany’s Next Topmodel“ scheint sich aus den Versatzstücken einer Castingshowethik zusammenzusetzen, die Kalenderweisheiten wie den Glauben und die harte Arbeit an sich selbst suggerieren. Bezeichnenderweise werden selbst Alternativen zu dieser Einstellung nur in der Immanenz des Fernsehens gesucht, so abwegig ist der Gedanke an ein Außerhalb der Medien. „Ich glaube, du bist für dieses Format falsch“, fasste der Schwimmer Thomas Rupprath Knappiks existentielle Verunsicherung folgerichtig zusammen.

          Sensationell nachahmenswert

          Wie man es aber macht, allen Gemeinheiten der Inszenierung zum Trotz, eine gewisse Würde zu bewahren, und ob das überhaupt möglich ist: auch das versuchen jedes Mal ein paar Kandidaten herauszufinden. Als beste Strategie hat sich bisher erwiesen, das hysterische Prinzip der Show mit größtmöglicher Gelassenheit auszuhebeln. Das ist nicht einfach, weil Instrumente wie Hunger und Ekel ja eher auf unkontrollierbare Affekte abzielen: Es hilft halt nichts, zu wissen, dass die Kakerlaken gecasted sind und die Stinkfrucht im Skript steht; und deshalb werden solche Prüfungen tatsächlich zu Momenten der Wahrheit, wie sie im Fernsehen eher selten sind.

          Umso beeindruckender ist es, wie es Rainer Langhans gelingt, sich gegen den Versuch zu wehren, ihn als vertrottelten Kommunarden zu präsentieren. Dass es so schwer werden würde, ihn als weltfremden Freak zu zeigen, war vor der Show auch nicht unbedingt zu erwarten; jetzt überrascht er nicht nur sein Team mit dem Wissen um Justin Bieber, sondern vor allem damit, dass er offensichtlich tatsächlich enorm von seiner Kommunenerfahrung profitiert. „Man kann nur aufeinanderhocken und sich fertigmachen“ beschrieb er vor der Show in einem „taz“-Interview die Situation im Camp. Und während alle anderen sich brav an dieses Drehbuch halten, hält Langhans, wenn es ihm zu dämlich wird, einfach die Ohren zu. Seine zurückhaltende Performance macht ihn nicht unbedingt zum Favoriten für den Titel des Dschungelkönigs, ist als Rezept gegen die mediale Vereinnahmung aber sensationell nachahmenswert.

          Bei Markus Lanz berichteten in dieser Woche ein paar ehemalige Kandidaten von ihren Erfahrungen in der Show. Von Harry Wijnvoord etwa wollte Lanz da wissen, ob er das Gefühl hat, alles richtig gemacht zu haben: „Ja klar“, antwortete der. „Ich hab’ geschlafen.“

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