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Steffen Seibert wird Regierungssprecher : Der Wechselwähler

Vermittelt, worum die Bundeskanzlerin kämpft: Steffen Seibert Bild: picture-alliance/ dpa

Der ZDF-Mann Steffen Seibert wird Sprecher der Bundesregierung. Er hat, was Angela Merkel braucht. Und wird von seinem Chefredakteur mit einem kräftigen Tritt verabschiedet.

          Wenn der größte Coup einer Regierung darin besteht, dass sie einen neuen Sprecher findet, ist das bezeichnend. Wenn es dann noch so wirkt, als hätte die Nationalmannschaft einen neuen Mittelstürmer, erst recht. Im Falle des Mannes, der von nun an für Angela Merkel spricht, ist das so.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Steffen Seibert, der „heute“-Moderator vom ZDF, ist ihr Hoffnungsträger. Er muss die Rolle übernehmen, die sein Vorgänger Ulrich Wilhelm mit Bravour gespielt hat, die Rolle der vertrauenswürdigen Eminenz im Hintergrund. Und er dürfte zugleich in den Vordergrund rücken. Nicht nur seiner äußeren Erscheinung wegen ist er präsentabel. Er hat ein gewinnendes Auftreten und vermittelt, worum die Bundeskanzlerin kämpft: Glaubwürdigkeit und Empathie.

          Er ist ein kluger Kommunikator, er hat Stil, er hat Rückgrat, er hat einen Standpunkt und - ganz wichtig für seine neue Arbeitgeberin - er ist populär. Er muss Angela Merkels Anwalt in der Öffentlichkeit sein - und, umgekehrt, Anwalt der Öffentlichkeit gegenüber der Bundesregierung. Die wirkt ja oft genug sprachlos.

          Unter den Fernsehleuten stach Steffen Seibert wegen seiner persönlichen Eigenschaften schon immer heraus. Er hat nämlich welche, die sich vor der Kamera nicht bemerkbar machen. Was auch bedeutet, dass diejenigen, denen solches abgeht, im Studio weniger platt wirken, als sie wirklich sind. Der Bildschirm gibt Flachmännern Tiefe und bügelt Querköpfe glatt. Steffen Seibert gibt es deshalb gleich mehrfach - auf dem Bildschirm und dahinter. Es gibt ihn einmal als den Moderator, der einfach gut rüberkommt, bei Frauen und bei Männern. Es gibt ihn als kleinen Bruder des Dorian Gray, der über das Robert-Redford-Gen verfügt und mit 50 immer noch aussieht wie 35.

          Es gibt ihn als Journalisten, der Nachrichten präzise und verständlich präsentiert, der ohne Schnickschnack, Witzkommrauszwang und Welterklärergestus die Sachverhalte erklärt. Und es gibt Steffen Seibert als politisch wie kulturell interessierten und aufgeklärten Bürger. Er liebt die Oper, ist ironiebegabt, belesen, witzig, sympathisch, distanziert sich selbst und seinem Gewerbe gegenüber. Und er ist sogar uneitel. Mit anderen Worten: Es gibt Steffen Seibert auch als jemanden, von dem man sich kaum vorstellen kann, dass er beim Fernsehen etwas werden könnte. Dabei hat er es im Zweiten in die allererste Reihe gebracht.

          Zum Abschied ein kräftiger Tritt

          Doch jetzt will er es noch einmal wissen und verlässt den sicheren Hort des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit doppelter Rentengarantie und Parkplatz vor dem Sendegebäude. Der Mann ist abenteuerlustig. Er tauscht die Sicherheitsgarantie vom Mainzer Lerchenberg gegen die Schleuderposition in Berlin. Den Job kann er in drei Jahren wieder los sein; beim ZDF wäre ihm die Gebührenpension sicher. Seibert hat in seinem Leben zwar schon viel gesehen, etwa als Korrespondent in Washington, dabei aber das ZDF nie verlassen. 1988 hat er sein Volontariat im Sender gemacht und ist dann, Stufe für Stufe, geduldig und zäh, die Karriereleiter emporgestiegen: Redakteur beim „heute journal“, Korrespondent in den Vereinigten Staaten, Moderator im „Morgenmagazin“, dann im Vorabendmagazin, dann der „heute“-Nachrichten und - vertretungsweise - des „heute journals“. Da bleibt nicht mehr viel Luft nach oben; als Nächstes hätte er Hauptmoderator des „heute journals“ oder Chefredakteur werden müssen. Doch hätte er dafür im Sender stärker auftrumpfen und sich in Seilschaften hängen müssen.

          Seiberts Verhältnis zum früheren Chefredakteur Nikolaus Brender galt als gespannt. Über das zum neuen, zu Peter Frey, muss man sich nun keine Gedanken mehr machen. Frey verpasst dem Kollegen zum Abschied einen kräftigen Tritt. „Wir bedauern, dass Steffen Seibert seine Perspektive nicht im Journalismus gesehen hat“, teilt Frey mit. Seibert nehme „die bundesweite Bekanntheit, die er auf dem Schirm als Moderator von ,heute‘ und ,heute journal‘ erworben hat, und die damit verbundene Kompetenz und Glaubwürdigkeit mit in seine neue Aufgabe“. Es folgt der matte Nachsatz: „Wir haben ihn als professionellen, engagierten Kollegen sehr geschätzt und wünschen ihm für seine neue Tätigkeit viel Erfolg.“

          Erstaunlich unsouverän

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