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Solo für einen Briten : Kenneth Branagh ist Wallander

Geste für Geste: Erst der Weltschauspieler Kenneth Branagh verleiht Kurt Wallander die finale Façon - drei neue Verfilmungen der Romane Henning Mankells laufen in der ARD zur schönsten Festtagszeit.

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          Kommissar Kurt Wallander trägt sein Innenleben programmatisch außen. Weshalb man vorab am Grad der Zerknitterung seines Gesichts stets ablesen kann, wie es um ihn bestellt ist. Gut geht es ihm natürlich nie, aber eben auch nicht nur schlicht schlecht. Ob es ihm gerade etwas besser schlecht geht, ob er sich schlechterdings nur grämt, ob er trauert oder ob sich, im schlimmstmöglichen aller Fälle, die Schwermut seiner Seele gar um die Schlechtigkeit der Welt potenziert: Solche kleinen und kleinsten Nuancen sind für seinen Charakter und damit für seine Physiognomie gravierend.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Wichtig ist auch, wie lange er sich nicht mehr rasiert hat, und wann er es schließlich doch tut. Dieser Mann, der sich um sein Äußeres so demonstrativ nicht kümmert, der seine Kleidung bis zum Exzess vernachlässigt und den seine Wirkung auf andere Menschen nicht im mindestens zu berühren scheint, ist der Eitelsten einer, wenn es um den Ausdruck seiner inneren und innersten Leiden geht.

          Der Zerknitterungsfaktor des Kommissars-Gesichtes

          Womit für jeden Schauspieler, der Wallander Gestalt gibt, der Maßstab gesetzt ist: Entscheidend für die darstellerische Evidenz ist letztlich, wie er mit dem jeweiligen Zerknitterungsfaktor des Kommissars-Gesichtes zu spielen versteht. Just für die Mimik interessierte sich Rolf Lassgård, der ihn zwischen 2004 und 2007 verkörperte, nicht sonderlich. Er setzte vor allem auf das barocke Wesen eines latent Übergewichtigen. Krister Henriksson, der Wallander in einer vielteiligen Fernsehserie von 2005 an gab, rückte das Bürokratische und die spröde Lakonie seines Helden ins Zentrum.

          Der britische Weltmime Kenneth Branagh aber, der den Provinzpolizisten aus Ystad im vergangenen Jahr für drei erste Romanverfilmungen in Szene setzte, hat dieser Figur nun ihre finale Façon verliehen.

          „Kenneth Branagh ist Kommissar Wallander“ heißt es am Beginn der drei neuen Folgen, die von der ARD-Tochter Degeto zusammen mit der BBC produziert wurden und die das Erste nun an Weihnachten sowie in den ersten Tagen des neuen Jahres ausstrahlt. Solche Gleichsetzung zwischen Rolle und Darsteller mag aus Gründen des Marketings geprahlt sein, falsch ist sie deshalb keineswegs.

          Die beste der Verfilmungen läuft auch zur besten Sendezeit

          Denn Branagh versammelt alle professionellen und privaten Eigenschaften Wallanders ganz selbstverständlich und wie nebenbei - die ewigen Selbstzweifel, das dauernde Allein-Ermitteln ohne kollegiale Unterstützung, die endlosen Solo-Fahrten im Dienst-Volvo, die väterliche Hilflosigkeit gegenüber der Tochter Linda und das Unvermögen des Sohnes, mit seinem Vater Povel ins Reine zu kommen. Darüber hinaus jedoch ist er eben auch ein Virtuose des Mimischen. Dank Branagh kann man nun von Minute zu Minute miterleben, wie sich ein innerer Zustand, so geringfügig er auch variieren mag, nach außen kehrt und dort jeweils eine ganz eigene, ganz unverwechselbare physiognomische Landschaft bildet.

          Die mit Abstand beste der drei neuen Mankell-Verfilmungen ist deshalb „Der Mann, der lächelte“: Nicht ohne Grund läuft sie am 1. Januar und im Unterschied zu den beiden anderen Folgen auch zur besten Sendezeit. „Mörder ohne Gesicht“ macht den Auftakt. Dort erschießt Wallander gegen Ende in Notwehr einen rechtsradikalen Killer und glaubt zu Unrecht, damit den Mordfall an einem älteren Ehepaar auch geklärt zu haben. Die Täuschung erledigt sich rasch.

          Zwingender moralischer Heroismus

          Im „Mann, der lächelte“ aber holt ihn das für den Verbrecher tödlich endende Duell mit aller psychischen Folgemacht ein. Für Monate ist der Kommissar kaum ansprechbar, er zieht sich zurück, kapselt sich ab. Wie Branagh diese tiefe Depression zu beglaubigen vermag, ist schon erstaunlich genug. Unnachahmlich aber ist, wie er dann über eine gute Filmstunde hinweg Wallanders ganz allmähliche und ganz untriumphale Rückkehr in den beruflichen Alltag darstellt - Geste für Geste, Gesichtszug um Gesichtszug.

          Man muss den Moralismus, mit dem Henning Mankell alle Wallander-Romane und damit naturgemäß auch deren Hauptfigur ausstattet, durchaus nicht teilen. Nicht entziehen kann man sich jedoch dem moralischen Heroismus, den Kenneth Branagh seinem Wallander schenkt - auf völlig unheroische Weise, wie sich versteht.

          Neben Branagh ist der Rest nur Dekor

          „Die fünfte Frau“ beschließt die neue Mankell-Reihe mit einer Mordserie an einigen Herren der guten schwedischen Provinzgesellschaft. Alle Drehbücher (Richard Cottan und Simon Donald) folgen den Romanen zumeist, die Freiheiten, die sie sich nehmen, sind plausibel.

          Die drei Regisseure (Hettie MacDonald, Andy Wilson, Aisling Walsh) inszenieren Südschwedens Landschaft mit melancholischer Opulenz. Kenneth Branagh aber braucht beides, Handlung wie Landschaft, nur als Dekor. Und man glaubt ihm auch, wenn er, dem es nie gut geht, ganz zum Schluss die Frage, ob nun alles gut sei, so zögernd wie bewusst bejaht.

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