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Skandal beim Sender France 24 : Palastrevolution gegen Königin Christine

Christine Ockrent und ihr Mann Bernard Kouchner, bis zu Sarkozys Kabinettsumbildung Mitte November Frankreichs Außenminister, betreten den Elysée-Palast. Bild: dpa

France 24 ist das Pariser Pendant zu Amerikas CNN. Im Nachrichtensender gibt es einen Machtkampf zwischen den beiden Chefs. Es geht um Geld, Spionage und Patronage. Im Zentrum: Christine Ockrent, Vizechefin von France 24 und Frau des Ex-Außenministers Kouchner.

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          Bei France 24 hat der Clinch der Chefs zu einem Spionagekrieg geführt, der täglich groteskere Formen annimmt. Es wird gesendet - aber sonst rein gar nichts entschieden. Doch dieses Mal sind es nicht die Gewerkschaften, die einen Sender lahmlegen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Konflikt schwelt seit Monaten, zum Grabenkrieg eskalierte er im vergangenen Oktober. Die satirische Wochenzeitung „Le canard enchaîné“ berichtete, bei France 24 drohe der finanzielle Notstand. Diese Befürchtung hatte der Finanzdirektor in einem vertraulichen Bericht an Alain de Pouzilhac, den Chef des Auslandssenders, geäußert. Das Dokument war nur einem ganz kleinen Kreis von Personen zugänglich. Wo war das Leck?

          Pouzilhac reichte Klage ein. Die Untersuchung führte unerwartet schnell zu einem Ergebnis: Bei Candice Marchal fand man auf dem privaten Computer mehr als zwei Millionen Dateien. Vertrauliche Strategiepapiere, Programmpläne, banale Spesenrechnungen und auch noch den digitalisierten Pass von Pouzilhac hatte sie zu Hause gespeichert, zudem die privaten E-Mails des Senderchefs.

          Hält sich bedeckt und schweigt bedrohlich: Alain de Pouzilhac, der Chef von France 24

          Der Außenminister setzt seine Frau als Vize-Chefin ein

          Candice Marchal war schnell geständig. Sie hatte von Verantwortlichen des mit der Informatik beauftragten Dienstleisters, der nicht zu France 24 gehört, die Codes und Passworte zum Lauschangriff ins System bekommen. Ihr Verhalten begründet sie mit der Angst vor der Entlassung - sie habe nur wissen wollen, ob sie als Nächste an der Reihe sei.

          Marchal war von Christine Ockrent angestellt worden. Ockrent ist die Nummer zwei bei France 24 und eine renommierte Journalistin, die als Tagesschausprecherin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens unter Mitterrand zu nationaler Berühmtheit gelangte. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wurde sie von den Franzosen als „Königin Christine“ verehrt. Sie ist mit dem Sozialisten Bernard Kouchner verheiratet, der zu den Begründern der „Ärzte ohne Grenzen“ gehörte und in linken Regierungen im Kabinett saß. Kouchner war zum Entsetzen seiner Genossen auch bereit, für Sarkozy das Amt des Außenministers zu bekleiden.

          In dieser Funktion wurde er in der Regierung zum Verantwortlichen für die staatlich finanzierten Auslandssender Radio France International, TV 5 Monde und France 24. In der Entscheidung, seine Frau praktisch auf die gleiche Verantwortungsstufe wie Alain de Pouzilhac zu stellen, wollte Kouchner keinerlei mögliche Interessenkonflikte ausmachen oder gar eine Fehlbesetzung erkennen. Schon vor ihrer Berufung an die Spitze der Hierarchie hatte Christine Ockrent jeweils zu Hause pro Woche einen sechs Minuten langen Kommentar aufgezeichnet und war dafür mit einem jährlichen Honorar von 120 000 Euro bezahlt worden.

          Diplomatie und Journalismus, ein Konflikt

          France 24 wurde 2006 vom Präsidenten Jacques Chirac begründet, er wollte unbedingt einen internationalen Nachrichtensender, um vor allem den Amerikanern mit seinem „French CNN“ die französische Stimme in der Welt entgegenzuhalten. Die Geburt war schwierig, France 24 ist gezeichnet vom Konflikt zwischen diplomatischen Interessen und journalistischem Anspruch. Christine Ockrent verkörpert diesen Konflikt par excellence.

          Alain de Pouzilhac war noch von Chirac ernannt worden: ein Vertreter der Werbebranche, der beim Konzern Havas gefeuert worden war. Ein Manager mit dem Ruf eines Haudegens, der Journalismus eher als notwendiges Übel betrachtet. Er sieht France 24 durchaus als „Stimme Frankreichs“. Renommierte Journalisten, die beim Aufbau dabei waren, gingen freiwillig oder wurden entlassen. Als man de Pouzilhac Christine Ockrent zur Seite stellte, äußerte er sich kompromissbereit: „Soll sie nicht arbeiten dürfen, weil sie mit dem Außenminister glücklich ist?“ In Frankreich gehören Ehen zwischen linken wie rechten Ministern und Fernsehjournalistinnen zum Alltag der Elite.

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