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Sind ARD und ZDF ihr Geld wert? : Der Auftrag erlischt nach der Halbzeitpause

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Freiräume hat man genug bei ZDF und ARD Bild: dpa

Der neue ZDF-Intendant will prüfen, ob die Zuschauer den Eindruck haben, sie bekämen für ihre Gebühren ein gutes Programm. Die Frage ist gut gewählt, denn es fehlt ARD und ZDF trotz bester Ausstattung an Mut, Selbstkontrolle und Qualitätssinn.

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          Hinterher saßen sie im Tagungshotel in einem Konferenzraum, der sich Bibliothek nennt und deshalb als Dekoration ein paar Regale mit Büchern enthält, und sagten, was man so sagt. Ruprecht Polenz, der Vorsitzende des Fernsehrates, lobte die „Weitsicht, Führungskraft und Teamfähigkeit“ von Thomas Bellut. Markus Schächter, der amtierende ZDF-Intendant, sagte, Bellut sei sein „Wunschkandidat“ gewesen und werde die Balance zwischen „Kontinuität und entschiedenem Neuanfang“ hinbekommen, die das „digitale Jahrzehnt“ erfordere, das offenbar gerade (schon wieder) begonnen hat. Bellut selbst, soeben zum zukünftigen Intendanten gewählt, sagte: „Das Kernthema der nächsten Jahre ist es, den Zuschauern den Eindruck zu vermitteln, sie bekommen für ihre Gebühren ein gutes Programm.“

          Das ist ein guter Satz. Er mag wie eine Floskel klingen, aber Bellut hätte auch über die Digitalisierung sprechen können, das Wettbewerbsumfeld oder Marktanteile. Stattdessen nannte er die tatsächlich fundamentale Frage, von der die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland abhängt: Wissen die Menschen, was sie an ihm haben? Umgekehrt: Machen ARD und ZDF ein Programm, das sie notwendig finden oder mindestens eine Bereicherung, die ihr Geld wert ist, auch im Angesicht einer riesigen Zahl anderer Unterhaltungs- und Informationsangebote?

          Wollen wir das wirklich?

          Diese Frage ist so banal wie elementar. Von außen wird die Diskussion um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oft ideologisch geführt, kommerziell motiviert oder juristisch, verhakt in Definitionen wie der zum Kampfbegriff gewordenen „Grundversorgung“. Und im Inneren scheinen die Verantwortlichen so vollkommen gefangen in den Erfolgsmaximierungsregeln eines beliebigen Fernsehunternehmens, dass die Frage der Legitimation gar nicht mehr ihr Bewusstsein erreicht.

          Irgendwann ist es wie es ist: Die Programmmacher Markus Schächter (v.l.), Thomas Bellut und Ruprecht Polenz

          Natürlich ist es aus einer inneren Logik sinnvoll, wenn man ein erfolgreiches tägliches Wettkochformat am Nachmittag etabliert hat, gleich noch ein zweites dahinter zu setzen, bestückt mit demselben Personal, das sich einmal die Woche schon am Abend bekocht. Man müsste schon einen Schritt zur Seite treten und fragen: Wollen wir das wirklich? Unsere erheblichen Ressourcen als ZDF nutzen, um jeden Nachmittag stupide ritualisiert zwei Stunden am Stück in Kochtöpfe zu gucken?

          Es lassen sich Dutzende ähnliche Beispiele im Programm von ARD und ZDF finden, die Inflation der Tier-Doku-Soaps, der Quiz-Wahn, die Boulevardmagazine, die Seifenopern, die Film- und Serienschmonzetten. Es wäre gar nicht nötig, in jedem Fall die Grundsatzfrage zu stellen, ob ein öffentlich-rechtliches Programm so etwas ausstrahlen darf. Es würde schon reichen, sich die Bellutsche Frage zu stellen: Vermitteln wir damit den Zuschauern das Gefühl, sie bekommen für ihre Gebühren Qualität?

          Sündenfall Prinzenhochzeit

          ARD und ZDF fühlen sich so sicher in den tiefen Gräben zwischen den Fronten politischer Freunde und Gegner, dass sie nicht bemerken, wie leichtfertig sie die Loyalität derjenigen aufs Spiel setzen, die sie als Verbündete im Kampf für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk brauchen: die Zuschauer.

          Dass ARD und ZDF darauf bestanden, die britische Prinzenhochzeit stundenlang parallel auszustrahlen, ist ein erschütternder Beleg: Was konnte das ZDF dadurch gewinnen, das den Verlust von Ansehen, Sympathie, Loyalität auch bei wohlwollenden Betrachtern auch nur annähernd wettmachen würde?

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