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Schlingensief im Fernsehen : Das musste etwas Merkwürdiges werden

Aufgeladen: Szene aus Christoph Schlingensiefs „The African Twintowers” Bild: Filmgalerie 451; Frieder Schlaich

Deutscher Mythos rasselt mit deutschem Murks zusammen, Weltgeschichte mit Wahnsinn, und das kann durchaus Funken schlagen: Christoph Schlingensief hat mit seiner Truppe in Namibia gefilmt und daraus eine bunte Szenefolge fürs Fernsehen geschnitten.

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          Namibische Laiendarsteller spielen 9/11. Oder: Familie Bach plant ein Musikfestival in der ehemaligen deutschen Kolonie. Oder: Ein unternehmungslustiger Regisseur hat in Bayreuth „Parsifal“ inszeniert, behält noch etwas Wagner und Weihespiel übrig und beschallt damit die Wüste. Oder: Ein Experimentalfilmer mit Regisseuren wie Russ Meyer, Wim Wenders und Werner Herzog im Kopf, stellt Szenen aus „Paris, Texas“, „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ oder „Fitzcarraldo“ nach. Oder: Ein buntes Trüppchen reist nach Namibia, um im Nirgendwo, in den Townships und im Örtchen Lüderitz zu filmen.

          Mit vielen Ideen war Christoph Schlingensief im Oktober 2005 für zwei, drei Wochen dort, mit 200 bis 300 Stunden Filmmaterial ist er zurückgekehrt und hat sich seitdem für ein paar Projekte daraus bedient. Jetzt hat er eine aus dem Off kommentierte Szenenfolge zusammengeschnitten, die der ZDF-Theaterkanal in diesem Monat gleich siebenmal in Folge zeigt, erstmals heute Abend. Wohin „The African Twintowers“ eigentlich will, bleibt dabei, wie das eben so ist bei Schlingensief, durchaus unklar.

          Deutscher Mythos rasselt mit deutschem Murks zusammen

          „Es war immer klar, dass das etwas ganz Merkwürdiges wird“, sagt Schlingensief zu Beginn, und es wäre wohl auch etwas Merkwürdiges geworden, wenn dem Regisseur nicht das Drehbuch entwendet worden wäre, wenn ihn nicht unterwegs die bestürzende Nachricht ereilt hätte, sein Vater sei daheim ins Krankenhaus gekommen, und wenn er nicht vorab verkündet hätte, er wolle sich bei den Hereros für die Greueltaten deutscher Kolonialisten entschuldigen. Der Film ist mit Symbolen und Pathos überfrachtet und läuft absichtsvoll ins Absurde. Deutscher Mythos rasselt mit deutschem Murks zusammen, Weltgeschichte mit Wahnsinn, und das kann durchaus Funken schlagen. Dann erinnern die Szenen der Ratlosigkeit, des Entsetzens, der Irritation selbst in absurden Momenten auffällig an das, was man, gut unter Weltreiseroutinen vergraben, auswärts mit sich trägt oder hinterlässt.

          Es sei „optimal für meine Arbeit“, kommentiert Christoph Schlingensief aus dem Off, als seine Schauspieler gerade etwas desorientiert wirken, „dass man Leute hat, die nicht wissen, wo sie sind, und auch nicht groß nachfragen“. Diese Haltung empfiehlt sich durchaus auch dem Publikum.

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