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Schauspieler Matthias Brandt : Der „Polizeiruf“ ist nichts für Zwölfjährige

  • Aktualisiert am

Matthias Brandt Bild: dapd

Am diesem Freitag statt wie üblich am Sonntag läuft nun der Polizeiruf-Krimi. Dem Hauptdarsteller leuchtet das nicht ein, auch wenn er selbst Vater ist.

          Die ARD hat Ihren „Polizeiruf“ von Sonntag, 20.15 Uhr, auf diesen Freitag, 22 Uhr, verschoben. Können Sie die Entscheidung des Bayerischen Rundfunks nachvollziehen?

          Ich habe sie zur Kenntnis genommen. Ich bin traurig über diese Entscheidung. Ich kann sie nicht nachvollziehen, weil mir die Argumentation nicht zwingend erscheint. Weil ich finde, dass sie sich auf Kriterien stützt, die sehr stark auslegbar sind.

          Die BR-Jugendschutzbeauftragte hält die Gewaltdarstellung in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ für problematisch.

          Ich weiß nicht, ob der Begriff der Gewaltdarstellung ein zwingend tauglicher ist. Gewaltdarstellung ist ja im Zusammenhang eines Kriminalfilms nichts Ungewöhnliches. Ich finde, man sollte durchaus mal schauen, ob die Folgen von Gewalt gezeigt werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder ob sie in einen dramaturgischen, sinnvollen Zusammenhang eingebettet sind. Die Folgen eines Attentats, wenn man es thematisiert, müssen gezeigt werden, damit man den Vorgang versteht. Das ist nicht anders möglich. Ich kann guten Gewissens sagen: In diesem Film gibt es keinen spekulativen Moment, wo die Gewalt eingesetzt wird, damit jemand sagt: „Das sind aber wilde Jungs.“ Das war zu keinem Zeitpunkt die Absicht.

          Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels mit den Spuren eines überlebten Attentats

          Neben der Gewaltdarstellung hat die Jugendschutzbeauftragte kritisiert, dass der Staat „hilflos“ dargestellt werde.

          Wenn ich den Sender richtig verstanden habe, bezieht sich die Entscheidung nicht darauf. Ich finde das schade, weil ich finde, dieser Film hätte dort seinen Platz gehabt.

          Können Sie etwas zum Thema Jugendschutz sagen?

          Ich bin der Meinung, dass Zwölfjährige am Sonntagabend beim „Tatort“ oder beim „Polizeiruf“ nichts zu suchen haben. Und schon gar nicht ohne ihre Eltern.

          Der Bayerische Rundfunk kritisiert die „durchgängig gehaltene Spannung“ des Films. Weshalb wird an einem Krimi die Spannung bemängelt?

          Den Vorwurf habe ich noch nie gehört, ehrlich gesagt. Für diesen Vorgang gibt es verschiedene Formulierungen. Ich habe gehört, dass dem Publikum die entspannenden Momente fehlen. Das tut mir furchtbar leid. Wie soll man denn in Zukunft damit umgehen? Ich kann doch nicht einen Kriminalfilm mit der Vorgabe anfangen: Ich darf nicht durchgängig die Spannung halten. Bisher habe ich gedacht, das sei eines der vornehmlichsten Ziele bei dieser Aufgabenstellung.

          Das Jugendschutzgesetz beschränkt Filme, die Darstellungen selbstzweckhafter Gewalt beinhalten.

          Dass ich in meinem Leben zum Fachmann für Jugendschutz werden würde, hätte ich nicht gedacht. Ich habe auch Vorstellungen von Jugendschutz. Ich habe eine zwölfjährige Tochter und möchte zum Beispiel, dass mein Kind vor Florian Silbereisen und dieser Musik beschützt wird. Das macht auch keiner. Das wird ja auch zur Hauptsendezeit ausgestrahlt.

          Ist die Verschiebung der Sendezeit für Sie eine Art Zensur?

          Nein, Zensur ist, wenn der Film auf die Straße geschmissen und öffentlich verbrannt wird. Und ich in den Knast gesteckt werde. Das ist dann Zensur.

          Wenn ich mir den ersten Film mit Ihnen, „Cassandras Warnung“, ansehe, scheint mir die Entscheidung des BR etwas willkürlich zu sein.

          Das Blödeste, was passieren könnte, wäre, wenn man bei der Entwicklung zukünftiger Projekte bestimmte Dinge von vornherein ausschließen würde. Weil man keine Lust hat, dass das Theater wieder losgeht. Das wäre eine fatale Wirkung. Dass man sagt, da ist ein Thema, das wäre eigentlich interessant, das müsste auch in der Klarheit gezeigt werden, aber damit fangen wir erst gar nicht an.

          Die Entscheidung fiel einen Tag vor den Anschlägen in Norwegen. Sie sind mit dem Land familiär verbunden. Sehen Sie die Diskussion um den Film durch die Ereignisse in einem anderen Licht?

          Das sind natürlich höchst unterschiedliche Vorgänge: der fiktive im Film und der reale. Auf der anderen Seite finde ich schon, dass alles thematisierbar sein muss. Das ist das Wesen des Erzählens und einer möglichst offenen Wahrnehmung seiner Umgebung und der Welt. Ich würde überhaupt kein Thema per se ausschließen wollen. Wenn der Film für den 22. Juli angesetzt wäre und nachmittags so etwas passiert, dann hätte ich verstanden, wenn man sagt: Es geht gerade nicht. Aber das ist ein völlig anderer Vorgang. Insofern kann man das wirklich nicht in Beziehung setzen.

          Zu Ihrer Rolle des Kommissars Hanns von Meuffels: Wie vertraut sind Sie bereits mit der Figur?

          Jenseits all dieses Rummels: Mir macht das tatsächlich großen Spaß. Mein Beruf ist ja letztendlich doch ein praktischer. Da gibt es eine lange Vorbereitungszeit, wo wahnsinnig viel geredet wird und man sich Dinge ausdenkt. Der entscheidende Punkt für einen Schauspieler ist, wenn man es dann tatsächlich spielt. Und wenn dieser Homunculus, den man sich ausgedacht hat, zum Leben erwacht. Jetzt ist das in einer Phase, wo man bestimmte Sachen andenkt. Und das eine vielversprechender ist als das andere in der Charakterisierung der Figur. Das sind die Fragen, mit denen ich mich im Moment beschäftigen muss.

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