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Russische Satiresendung : In Ust-Kusminsk ist der Teufel los

  • -Aktualisiert am

Da sind Hochzeit und Entführung eins: „Nascha Dascha” mit Jana Romanchenko und Sergeij Swetlakow setzt auf brachialen Witz Bild: Imago

Polizeiwillkür, Ärzte, die nur zahlenden Patienten helfen, diebische Aufpasser und dummdreiste Mädchenaufreißer: Die Serie „Nascha Rascha“ treibt die Absurditäten des russischen Alltags auf die Spitze.

          Eine Moskauer Blondine kurvt mit einem Jeep, auf dessen Motorhaube ein Mann liegt, durchs Parkhaus. Zwei vom Dienst am Volk erschöpfte Abgeordnete laben sich in einer Luxusherberge an Prostituierten und Schampus. Der Kindergartenwächter ruiniert beim Rendezvous mit einer Kindergärtnerin gleich vier kleine Bettchen. So verwandelt die vom russischen Privatsender TNT ausgestrahlte Satiresendung „Nascha Rascha“ (übersetzbar als „Unsa Russia“), deren Name den englischen Namen der Heimat kyrillisch umschreibt, reale russische Skandale in humoristische Leckerbissen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Kanal TNT gehört zu einem beträchtlichen Teil der Medienholding des staatlichen Gasmonopolisten Gasprom wie auch etwa der Radiosender „Echo Moskwy“, wo regierungskritische Journalisten und Politiker auftreten. Das staatlich kontrollierte Fernsehen ist nahezu kritikbereinigt. TNT, das sich an ein junges Publikum richtet, fand eine Nische in der Trash-Komödie.

          „Nascha Rascha“, das von dem Drehbuchautor Semjon Slepakow vor fünf Jahren nach dem Vorbild der britischen Kultserie „Little Britain“ konzipiert wurde, lässt Karikaturtypen aus allen Schichten und Landesteilen auftreten. Beispielsweise trinkfreudige Türkei-Urlauber aus einem sibirischen Ölnest, die am Strand sadistische Späßchen treiben. Oder den schicken, dümmlichen Abteilungsleiter, der Arbeitsmigranten herumkommandiert, die ihm dafür Pfuscharbeit abliefern. Das treue Publikum bleibt nicht ungeschoren. Ein Lieblingsheld von „Nascha Rascha“ ist der Plattenbausiedlungsbewohner Sergej, der seine füllige Lebensgefährtin zärtlich resigniert „Nilpferd“ nennt und sich am liebsten nur mit dem Fernsehgerät unterhält.

          Der Kleine kommt ganz nach dem Papa!

          Die kurzen, frechen Sketche schildern Polizeiwillkür, Ärzte, die nur zahlenden Patienten helfen, diebische Aufpasser, dummdreiste Mädchenaufreißer. Doch alle Welt beneide das große Russland, verkündet ein launiger Sprecher, womit er auf die Versuche der politischen Führung, Patriotismus im Land zu säen, anspielt, während auf dem Bildschirm eine öde Industriesiedlung zu sehen ist. In der Stadt mit Namen Ust-Kusminsk - der ausgedacht ist - habe die öffentliche Sicherheit höchste Priorität, hört man, während die Kamera die Zuschauer in eine Milizstation versetzt, wo ein blondierter, kleingewachsener Major und seine von einem Mann verkörperte Kollegin Dienst schieben.

          Der Gouverneur habe einen Menschen gefressen, meldet die tuntige Milizionärin, was der Polizeichef, der natürlich alle Verbrechen der Obrigkeit deckt, sogleich vertuschen will. Schade, dass es, da das Opfer schon verdaut ist, kein Beweisstück gebe, sagt er. Doch, es existiere ein Video, widerspricht die dämlich anständige Beamtin, sie habe es in der Handtasche. Da setzt der Major sie durch eine gezielte Kopfnuss aus dem Hinterhalt außer Gefecht. Als sie wieder erwacht, ist das Beweisstück weg - und der Vorgesetzte beschimpft sie ob ihrer Schlampigkeit. In einer anderen Folge hat die brave Ordnungshüterin herausgefunden, dass der Sohn ihres Kollegen Mitschüler foltert. „Der Kleine kommt ganz nach dem Papa“, entfährt es dem Major, was die Gewaltexzesse auf russischen Polizeiwachen vergegenwärtigt. Dabei schlägt er die Kollegin mit einem Elektroschocker, der auch die Erinnerung auslöscht. Die Episode vom Bürgermeistersohn, der mit seinem Lamborghini eine Frau überfuhr, lässt an die Unfallopfer denken, die von Privilegierten in Luxusautos umgebracht und dann von der Miliz zu Schuldigen erklärt wurden. Auch der Polizeichef von Ust-Kusminsk beschließt sofort, das Opfer des Bürgermeistersohns habe bewusstseinsverändernde Drogen genommen und so den Zusammenstoß selbst herbeigeführt.

          Auch grober Humor ist politisch sensibel

          Manche meiner Bekannten schätzen „Nascha Rascha“ als Witzlieferanten zum fröhlichen Zitieren. Beispielsweise jenen Sketch, in dem Sergej, die Couch-Kartoffel, sich bei einem deutschen Pornofilm entspannen will. „Die Deutschen machen gute Autos, gute Waschmaschinen, gute Pornos, und unsere können noch nicht mal das“, monologisiert er - bis er entsetzt entdeckt, dass der Videoverkäufer ihm eine Romanze untergeschoben hat. Oder die Szene, in der sich ein Provinzler der Unbekannten auf der Parkbank aufdringlich verdruckst als Oligarchensohn vorstellt. Die nordkaukasische Unruheregion wird vertreten durch den von einem Armenier verkörperten „supertemperamentvollen Fernsehmoderator“ Schorik, der sich im südrussischen Studio von „Nordkauk-TV“ (SevKav-TW) immer mit seinem russischen Regisseur zankt. Schorik weigert sich, einen freizügigen Film anzukündigen, weil ihn das „beleidige“, woraufhin der Mann hinter der Kamera ihm Komplexe vorhält. Doch als er dann die Kontaktanzeige einer Frau verliest, die verspricht, „alle Wünsche“ zu erfüllen, moniert er, die Nummer sei nicht leserlich. Als einmal ein Milizionär einen Koffer voller konfisziertem Haschisch mit ins Studio bringt, stopft Schorik sich heimlich die Taschen damit voll.

          Freilich ist in der russischen Fernsehlandschaft auch grober Humor politisch sensibel. Für eine Zeitungspublikation über „Nascha Rascha“ wollte der Kanal TNT nur dann Bildmaterial zur Verfügung stellen, wenn der Artikel vorab eingereicht und für problemlos befunden werde, wie uns eine Pressesprecherin erklärte. Und leider war das keine Satire. Wir sind auf anderem Weg an unsere Fotos gekommen.

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