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Rückschlag für die ARD : Das Erste ohne Pocher

Oliver Pocher geht zu Sat.1 Bild: dpa

An politischem Lobbying und vor allem Geld fehlt es der ARD nicht. Doch der Sender sieht sich selbst im Sinkflug - wegen drohender Einnahmeeinbußen. Jetzt muss er auch noch auf Oliver Pocher verzichten. Dabei benötigte der Unterhaltungskader, reduziert auf Schmidt und Pilawa, dringend neue Gesichter.

          Man muss Oliver Pocher, bei all den Breitseiten, die abzufeuern er in der Lage ist, für einen geschickten Verhandler und für einen diplomatischen Zeitgenossen halten. Denn seinen Auszug aus dem Ersten und den Einzug bei Sat.1 hat er den Intendanten nicht mitten hinein in ihre Verhandlung verkündet (siehe auch: Pocher verlässt die ARD und geht zu Sat.1). Dann hätten die Senderchefs der ARD noch ein Streitthema mehr gehabt und sich darüber die Köpfe heißreden können, warum sich Oliver Pocher - trotz scheinbar bester Aussichten und Kontaktpflege - gegen die ARD entschieden hat.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es könnte etwas mit der Haltung zu tun haben, die wir in den Reihen der ARD spätestens seit den Zeiten kennen, da Günther Jauch vor vier Jahren von RTL schon so gut wie gewechselt war, dann aber angesichts der obwaltenden Widerstände doch nicht kam. Jetzt im Falle Pochers waren sich bei der ARD die einen schon ziemlich sicher, den Unterhaltungskünstler für sich gewonnen zu haben, während andere - zum Beispiel im Rundfunkrat des Südwestrundfunks - lauthals verkündeten, dass der junge Mann zum Profil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht passe. Dort für die Unterhaltung zuständig zu sein, das wiederum muss man sich als einen Job für echte Ledernacken vorstellen, bei all den Rückschlägen. Mit dem spürbar reduziert auftretenden Harald Schmidt als Solisten und Jörg Pilawa in jeder zweiten Sendung wird die ARD nicht mehr lange weitermachen können.

          Mit dem Ersten fährt man besser

          Mittelfristig, um in die Technokratensprache zu wechseln, muss die ARD etwas für ihren Unterhaltungskader tun, zumal um junge Zuschauer zu erreichen. Doch „mittelfristig“ ging es dem ARD-Vorsitzenden und Intendanten des SWR, Peter Boudgoust, am Mittwoch nach dem Treffen mit seinen Kollegen um etwas anderes. Nämlich darum, zu verkünden, dass die ARD „mittelfristig deutliche Einnahmeausfälle“ zu verzeichnen habe. Der Rückgang betrage in den kommenden zehn Jahren bis zu fünfzehn Prozent. Unter anderem deshalb, dies als Hinweis auf die Konkurrenz, die es fordert, könne die ARD auf Werbung nicht verzichten: „Wir sind mit unserer Finanzausstattung bereits heute im Sinkflug. Ein Sponsoring- und Werbeverbot würde ihn noch beschleunigen und uns dem Absturz näher bringen“, sagte Peter Boudgoust.

          Das muss man sich - gerade im Krisenjahr 2009 - auf der Zunge zergehen lassen: Die ARD befindet sich „im Sinkflug“, weil sie in den kommenden zehn Jahren von den jetzigen Rekordeinnahmen - ARD und ZDF verfügen dank der jüngsten Erhöhung allein über rund acht Milliarden Euro aus Gebühren pro Jahr - einen Abstrich von bis zu fünfzehn Prozent zu erwarten hat. Wobei zwar die Veränderung der demographischen Verhältnisse berücksichtigt worden ist, weniger aber die zu erwartenden neuerlichen Erhöhungen. Na, wenn das keine Krisennachricht ist, als Nächstes wird sich die ARD wahrscheinlich bei der Bundesregierung um eine Bürgschaft bemühen, nach dem Motto: Opel für alle oder mit dem Ersten fährt man besser.

          An politischem Lobbying und Geld fehlt es nicht

          Ein Darlehen ganz im Ernst bekommt der finanzschwache Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). WDR, SWR, NDR, BR und MDR gewähren dem Sender eine Liquiditätshilfe von zwanzig Millionen Euro. Sie ist zinsfrei, aber zurückzuzahlen, die erste Rate von zehn Millionen Euro gibt es in diesem, die zweite im nächsten Jahr. Mit diesem nur scheinbar noblen Schritt kommen die Sender den Bundesländern, vor allem Berlin, zuvor, die deutlich gemacht hatten, dass sie die ARD, wenn es so weitergehe, zwingen wollten, untereinander die Gebühreneinnahmen neu zu verteilen.

          Von wirklichem Mangel aber, dazu darf man den Intendanten raten, sollten sie unter den in allen anderen Bereichen obwaltenden Umständen vielleicht etwas leiser sprechen. Wenn es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk an Geld fehlt, hat man sich das noch immer zu beschaffen gewusst. Fünf Millionen Euro zum Beispiel für die Umsetzung des neuen Dreistufentests am Beispiel von elf Onlineangeboten, welche die Rundfunkräte der Sender nun prüfen sollen. Das wiederum nach einem Maßstab, bei dem nur danach gefragt wird, „in welcher Form das Telemedienangebot den demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Gesellschaft entspricht, inwieweit es in qualitativer Hinsicht zum publizistischen Wettbewerb beiträgt sowie wie hoch der finanzielle Aufwand ist, der für die Erbringung des Angebots vorgesehen ist“. Womit von vornherein klar ist, dass alle Wünsche der Sender durchgewunken werden.

          An Ausbreitungswillen, an politischem Lobbying und vor allem Geld fehlt es der ARD also nach wie vor nicht, aber an anderem - siehe Oliver Pocher.

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