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Reality-TV in Frankreich : Die manipulierbare Meute

Dass die Schreie gespielt waren, wussten die Kandidaten nicht Bild: France 2

Feldversuch im französischen Fernsehen: Kandidaten wurden dazu gebracht, andere mit leichten und schließlich tödlichen Elektroschocks zu foltern. Im Spiel und als Strafe für falsche Antworten. Die Sendung zeigte eine erbärmliche Wirklichkeit, bleibt aber von beschränkter Aussagekraft.

          Die Regeln bei den Spielen im Reality-TV sind einfach: eine Gruppe muss ein Mitglied eliminieren. Was Menschen im Fernsehen an grotesken Demütigungen zu schlucken bereit sind, ist hinlänglich bekannt. Die Dokumentation, die das französische Fernsehen France 2 am Mittwochabend zeigte, begann mit einer Tour du Monde der perversesten Sendungen: Spiele, bei denen man sich verletzten muss, öffentliche Leichensezierungen, Folter als Gaudi, Selbstbezichtigungen. Mit ihrem Experiment wollten die Autoren beweisen, dass das Fernsehen reihenweise alle Tabus abbaut und für die letzte Transgression bereit ist: eine öffentliche Hinrichtung durch die Meute - in der Regie des Fernsehens.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Es wurden Kandidaten für ein neues, noch zu erprobendes Spiel gesucht. Aus Tausenden von Zeitgenossen hat man ausgewählt. Achtzig kamen zum Zug. Die Konstellation: Lehrer und Schüler. Für schlechte Antworten musste der Frager den Elektroschock-Hebel betätigen. Was er nicht wusste: der zu prüfende Kandidat, den er durchaus zu Gesicht bekommen hatte, wurde in der Zelle durch einen Schauspieler ersetzt. Die Schreie waren gespielt. Die Moderatorin manipulierte den Frager, wenn er irgendwelche Skrupel zeigte - und auch das nicht eingeweihte Publikum erwies sich als manipulierbare Meute.

          Nur zwanzig Prozent verweigerten sich

          Achtzig Prozent spielten widerspruchslos mit und leisteten jeder Aufforderung Gehorsam - praktisch alle mit Mitleid für den Gefolterten. Zwanzig Prozent weigerten sich, ab einer gewissen Stromstärke das unmenschliche Spiel weiter zu betreiben.

          Nur eine Minderheit verweigerte sich

          Modell des Versuchs war das berühmte „Milgram-Experiment“, bei dem es darum ging, die Bereitschaft zum Gehorsam zu ergründen - letztlich um die Frage, wie es im Krieg möglich war, die Deutschen an den Nazi-Verbrechen zu beteiligen. Stanley Milgram bezog sich ausdrücklich auf Hannah Arendts Buch „Die Banalität des Bösen“: Eichmann hatte sich bei seinem Prozess damit gerechtfertigt, dass er nur Befehle ausgeführt habe.

          Einer, der seine Elektroschocks ohne jegliche Zurückhaltung ausgelöst hatte, meinte, ihm sei sehr wohl bewusst gewesen, dass es im Fernsehen keine Folter gebe. Die Psychologen und Philosophen deuteten diese Aussage als Belege für die Manipulationskraft des Fernsehens, das zur Autorität schlechthin geworden sei - beim „Milgram-Experiment“ war es noch die Wissenschaft. Doch die Irrationalität des Mediums ist eine Tatsache, die man den willigen Tätern als Opfer dieses Versuchs schon ein bisschen zu Gute halten muss. Auch wenn die menschlichen Helden dieses Abends sehr wohl jene sind, die im Laufe des Spiels ausgestiegen sind.

          Viele haben an der langen Diskussion, die folgte, teilgenommen. Sehr viel Gescheites - auch Widersprüchliches - wurde gesagt. Dass das Fernsehen sich selber selbstkritisch hinterfragt, ist sehr heilsam. Dass es dabei auch um eine Anklage des öffentlich-rechtlichen gegen das private ging, war etwas scheinheilig. Auch die Sendung selber hat sich - und sei es als Dokumentation - doch sehr die Mechanismen und die Faszination zu eigen gemacht, die sie anprangert. Der Trailer erweckte durchaus den Eindruck, als handle es sich um eine real existierende Show. Fernsehkritik ist ergiebiger, wenn sie sich nicht irgendwelche möglichen Perversionen ausdenkt. Sondern an die Wirklichkeit hält. Diese ist schon schlimm genug.

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