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RAF-Dokumentation : Dem Unvorstellbaren auf der Spur

  • -Aktualisiert am

Eine Skizze des Tathergangs Bild: SWR/Matthias Kind

Der erste politische Mord der Bundesrepublik: Durch die Verhaftung von Verena Becker gewinnt eine lange recherchierte und spannende ARD-Dokumentation von Egmont R. Koch über den Fall Buback erhebliche Brisanz.

          Es muss eine Zeit gegeben haben, in der der Generalbundesanwalt dieses Landes mit einem alten Fahrrad zum Dienst gelangen konnte, eine Zeit, in der diese schweren, schwarzen Dinger noch schlicht Herrenräder hießen. Heute können die Bundesanwälte nicht einmal dann auf umfänglichen Polizeischutz verzichten, wenn sie dieses Mannes gedenken wollen, der einst übermütig lächelnd in sein gefährliches Amt geradelt ist und am 7. April 1977 erschossen wurde.

          Der Mord an Siegfried Buback war der erste politische Mord der Bundesrepublik, und der Film des Reporters Egmont R. Koch macht zuerst einmal deutlich, wie stark allein dieses Attentat das Land verändert hat. Darum vollzieht man von da an nur noch staunend bis Haare raufend mit, welche Ermittlungspannen, Anklageverzögerungen und Merkwürdigkeiten bei der Aufklärung dieses Mordes geschehen sind.

          Durch die Verhaftung Verena Backers, die im Laufe der Arbeiten zu dieser Dokumentation nicht abzusehen war, erhält sie eine ganze besondere Brisanz - und wer noch nicht dazu kam, das Buch von Michael Buback über den Mord an seinem Vater zu lesen, welches nun auch in einer Taschenbuchausgabe erscheint (Wer schont die Mörder von Siegfried Buback? ), der sollte sich „Bubacks Mörder“ nicht entgehen lassen.

          Fahndungsplakat aus von 1977: Klar und Folkerts wurden verurteilt, Sonnenberg nicht einmal angeklagt

          In der obersten Ebene

          Wir lernen Verena Becker kennen. Der Film legt präzise dar, dass sie schon bald nach ihrem Austausch gegen Peter Lorenz eine wesentliche Rolle in der obersten Ebene der Terrorgruppe einnahm, dass sie das Attentat auf Buback, ein Herzenswunsch ihrer in Stammheim einsitzenden Kollegen, über Monate minutiös geplant hat. Mindestens zwei Zeugen beschreiben als Schützin eine Gestalt, die ihr gleicht. Und am 12. April, unmittelbar nach dem Attentat, wird in Köln eine Filiale der Dresdner Bank überfallen, die Täter, die als Günter Sonnenberg und Verena Becker identifiziert werden, benutzen dazu die Karlsruher Tatwaffe. Es handelt sich um ein eingespieltes Duo, die Sache wird professionell durchgezogen. Wir hören dann vom ermittelnden Beamten des Landeskriminalamts Düsseldorf, ihm sei immer klar gewesen, dass bei diesem Banküberfall die „Täter von Karlsruhe“ am Werk waren. Dennoch standen sie deswegen nie vor Gericht.

          Diesen Mangel zu erklären, darum müht sich seit einigen Jahren Michael Buback. Der Film zeigt den Sohn des Generalbundesanwalts an einer Tafel im Hörsaal, wo er ein Schema der Ereignisse, der beteiligten Personen und Abläufe aufmalt. Leider versäumt es der Film, ihn dieses Schema auch erläutern zu lassen. Man erkennt so nämlich Bubacks Methode: Nach Karl Popper reiht er zunächst die Fakten auf und entwickelt daraus die Theorie, die die meisten dieser Fakten widerspruchsfrei erklärt - auch wenn es eine „schlimme Theorie“ ist.

          Was nicht sein kann

          Doch in der Diskusssion um die RAF ist der Poppersche Ansatz schwierig, weil hier Meinung, Haltung und Ideologie alles überstrahlen: Weil es keine Kumpanei zwischen Staat und Terroristen geben darf, kann es auch nicht sein, dass Verena Becker die Schützin von Karlsruhe war, sonst wäre sie ja angeklagt worden. Zirkelschlüsse vermögen aber auch in diesem Film nicht länger zu überzeugen. Der Film erinnert daran, dass Verena Becker unter anderem auch einen Anschlag auf Franz Josef Strauß geplant hatte, eine Tatsache, die weder die Medien noch die Justiz groß beschäftigt hat - wie ist dieses Schweigen zu erklären? Dann erfährt der Zuschauer, dass sie für ihre Kooperation mit dem Verfassungsschutz Geld erhalten hat: Aber ab wann, wie viel und wofür? Diese Dokumentation enthält derart verblüffende Informationen, dass man anschließend mehr Fragen hat als zuvor und zudem ahnt, dass sich der Fall Becker noch richtig auswachsen könnte. Gerade da, wo er er sich um eine Antwort bemüht, überzeugt der Film jedoch nicht.

          Der Reporter vermutet, auch Stefan Wisniewski könnte der Schütze gewesen sein. Doch keine Spur, kein Indiz, keine Zeugenaussage werden angeführt, die ihn belasten, da gibt es lediglich die Vermutung Peter-Jürgen Boocks und eine weitere Aussage - die stammt von Verena Becker.

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