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Pop der Achtziger : Die Saiten der großen Freiheit

  • -Aktualisiert am

Afrika Bambaataa, der Urvater des Hip-Hop Bild: © KLB Production

Punk war tot, und vor den Popartisten öffnete sich eine große, schreckliche Freiheit, die sie selbst zu gestalten hatten. Eine Dokumentation von Arte zeigt jetzt , wieso die vielgeschmähten Achtziger für die Popmusik ein entscheidendes und verkanntes Jahrzehnt waren.

          „No Future!“ brüllt Johnny Rotten immer wieder ins Mikrofon und grimassiert dabei vor der Kamera. Neben ihm steht breitbeinig Sid Vicious und hackt auf seinem Bass herum. Die Bildqualität dieser Aufnahme eines Konzerts der Sex Pistols ist schlecht, von der Tonqualität ganz zu schweigen, die Intensität des Auftritts allerdings ist auch mehr als dreißig Jahre danach noch zu erkennen. Die Kamera schwenkt auf das Publikum, Jugend in zerrissenen Kleidern hüpft vor der Bühne wie angestochen im Kreis.

          Punk, so lautet die erste große These der Dokumentationsreihe „Welcome To The Eighties“ von Arte, war der große Befreier. Die Bewegung dauerte kaum länger als einer ihrer Songs, gefühlte drei Minuten der Rockgeschichte gab es diesen schnellen, aber auch einfallslosen Knüppelrock, dann war Punk schon tot, zu schmal war die musikalische Kost. Keine Zukunft für Johnny Rotten. Wohl aber für die Musikergeneration danach, denn die rohe Ästhetik der Musik sorgte für eine Tabula rasa in der Popkultur. Der leergefegte neue Horizont war weit, alles schien erlaubt, was populäre Musik sei oder zu sein habe, war nicht länger festgelegt. Vor den jüngeren Künstlern öffneten sich die Achtziger als eine große, schreckliche Freiheit, die sie selbst zu gestalten hatten.

          Rennen um die Zukunft

          Im ersten der sechs Teile der Dokumentation ist es der englische Journalist Simon Reynolds, der diesen Moment in der Musikgeschichte treffend zusammenfasst. Der Befreiung durch den Punk sei ein „Rennen um die Zukunft“ gefolgt. In alle Richtungen sei man experimentierend auseinandergestoben, um einen neuen Klang zu finden, daher habe es in den Achtzigern so buntes und grundverschiedenes Zeug gegeben wie Devo, Der Plan, die Specials und Spandau Ballet.

          „Welcome To The Eighties“ verfolgt ausgewählte Richtungen der Musik der Achtziger, die einzelnen Filme setzen dabei keine Kenntnisse voraus. Zu jedem neuen Stil oder Namen erhält man zuverlässig eine kleine Einführung. Das bedeutet zwar, dass Kennern wenig Neues geboten wird. Trotzdem ist die Serie auch für Musikinteressierte zu guten Teilen sehr vergnüglich. Neben schönem Archivmaterial sind es nicht zuletzt die vielen Interviews mit den Protagonisten der einzelnen Musikszenen, die die Reihe lohnenswert machen. Es sind ein paar Nostalgiker und auch ein paar Durchschnittsmusiker dabei, aber die Gespräche mit Gabi Delgado von der DAF sind ebenso ein Grund, sich die Filme anzugucken, wie es jene mit Mark Mothersbaugh von Devo oder Graham Lewis von Wire sind.

          Ungekannter Reichtum

          Lobenswert sind auch die Versuche, die Bedeutung der Popmusik der achtziger Jahre für jene der Gegenwart zu erschließen. Zwischen damals und heute, so überlegen vor allem die Musiker in den Gesprächen immer wieder, gibt es erstaunliche Parallelen. Die Befreiung von der Gitarre durch den Synthesizer in den Achtzigern vergleichen sie mit der Autonomie, die der Laptop als Klangerzeuger für heutige junge Musiker bedeutet. Die Plattenläden der Postpunk-Kultur, die die von den Musikern selbst gepressten Singles und LPs verkauften, sind im Grunde Vorläufer von MySpace gewesen, das Doppelkassettendeck griff den gebrannten CDs und illegalen Downloads vor.

          Was den klanglichen Einfluss der Achtziger angeht, ist dem Film womöglich schlicht zu wenig Zeit gegeben, um alles abzudecken. Zwar wird anhand von Konzertausschnitten zum Beispiel gezeigt, warum Gang of Four mit Stücken wie „Damaged Goods“ für derzeitige Größen wie The Rapture, Interpol oder Franz Ferdinand so wichtige Vorbilder sind. Umgekehrt fehlen großartige und unwahrscheinlich einflussreiche Bands wie die Smiths oder Joy Division völlig. Die Talking Heads werden im Vorbeigehen erwähnt, was bei der Bedeutung dieser Band für die derzeit explodierende New Yorker Szene nur schwer zu verstehen ist. Insgesamt aber sind diese Inkonsequenzen wohl eher dem Reichtum der oft so geschmähten achtziger Jahre geschuldet als mangelndem Wissen der Filmautoren. Es kann auch bei einer Länge von sechs Folgen lange nicht alles erwähnt werden, was an Heutigem auf die Achtziger zurückgeführt werden könnte, Schönes wie Scheußliches.

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