https://www.faz.net/-gqz-y3fn

Polizeiruf 110 : Im Tal der verlorenen Kinder

  • -Aktualisiert am

Erst gehen sie gemeinsam auf Raubzug, dann aufeinander los: Jugendliche Straftäter in „Polizeiruf 110” Bild: MDR/Saxonia/WŸnschirs

Am Sonntag läuft die dreihundertste Folge des „Polizeirufs 110“. Eigentlich ist es die Episode 301, denn die Ausstrahlung von „Am hellerlichten Tag“ verhinderte die DDR-Zensur. Man könnte die gestrichene Folge zeigen, das Material wäre da.

          4 Min.

          Im Anfang war, wie beim Sandmännchen, die Klassenkampfprogrammierung. Während im Fall des kleinen Einschlafhelfers das innerdeutsche Produktionswettrennen zugunsten des Fernsehens der DDR ausgegangen war, sollte es in diesem Fall eine Weile dauern, bis das Ostfernsehen mit dem Westfernsehen gleichzog. Sieben Monate nachdem Hauptkommissar Trimmel (Walter Richter) im ersten „Tatort“ am 28. November 1970 heimlich mit dem „Taxi nach Leipzig“ gefahren war, traten am 27. Juni 1971 im Deutschen Fernsehfunk DFF Oberleutnant Peter Fuchs (Peter Borgelt) und Leutnant Arndt (Sigrid Göhler) in „Der Fall Lisa Murnau“ auf den Plan, um den Verbleib von 70 000 verschwundenen Ostmark zu ermitteln.

          Dass der „Polizeiruf 110“ weder als Kopie des „Tatorts“ noch als reine Nachfolgesendung für die bis 1968 ausgestrahlte beliebte Krimiserie „Blaulicht“ auftrat, sollte Grundlage seines andauernden Publikumszuspruchs sein. Mit der MDR-Folge „Fehlschuss“ und den zurzeit dienstältesten Kommissaren Herbert Schmücke (Jaecki Schwarz) und Herbert Schneider (Wolfgang Winkler) feiert der „Polizeiruf“ die dreihundertste Folge.

          Ein Fall von Zensurwillkür

          Beim „Polizeiruf 110“ ging es in beschaulich inszenierten Geschichten konsequent um eine kleinteilige Innensicht der DDR. Mit alltäglichen Verbrechen, genauen Milieuschilderungen und bestenfalls moderat in Frage gestelltem „gesellschaftlichen Kontext“ schaffte es der „Polizeiruf 110“ zu DDR-Zeiten nicht selten, Tabuthemen wie Alkoholismus oder sexuelle Gewalt darzustellen.

          Die Hauptdarsteller mit einer „Jubiläums-Klappe”

          Unmöglich hingegen war es, Verbrechen im Milieu politischer Funktionsträger zu schildern. Nicht immer passierten Bücher und Filme die Zensur des Staatlichen Komitees für Fernsehen und im zuständigen Ministerium des Inneren. Manche Folgen liefen nur gekürzt. Mindestens eine, die Folge „Am hellerlichten Tag“, die im Februar 1975 laufen sollte, wurde bis heute nicht gesendet.

          Mitarbeiter des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) in Potsdam-Babelsberg arbeiten an der Rekonstruktion des Materials; die Folge mit Peter Borgelt und Heinz Behrens als Schleusenwärter in den Hauptrollen soll in diesem Jahr noch zu sehen sein. Nach Auskünften, die der Regisseur Heinz Seibert dem DRA schon 1990 gegeben hat, lässt sich ein exemplarischer Fall von Zensurwillkür rekonstruieren. So gab es zunächst weder ernsthafte Vorbehalte gegen das Thema Pädophilie und Kindesmord - obwohl der behandelte Fall auf einer realen Geschichte basierte - noch gegen das Drehbuch.

          Erst als bekannt wird, dass der „Tatort“-Autor Friedhelm Werremeier den echten Fall des Hans Erwin Hagedorn benutzt, um das Buch „Der Fall Heckenrose“ zu schreiben, werden Drehbücher und mehrere Stunden Film eingezogen.

          Ein Erwachsener als Drahtzieher

          Die dreihundertste oder für Penible also 301. Folge des „Polizeirufs“ mit dem Titel „Fehlschuss“ ist ein gelungener, wenn auch vorhersehbarer Fall und zugleich eine Premiere für den Regisseur und Autor Thorsten Näter (“Tatort“, „Wilsberg“, „Bloch“), der auch die nächsten beiden Fälle inszeniert. Das lässt hoffen, denn Näter gelingt es tatsächlich, den gelegentlich fast steinern agierenden Kommissaren Schmücke und Schneider etwas Leben einzuhauchen.

          In Halle lässt eine Einbruchsserie die Gemüter nicht ruhen. Als eine alte Frau zu Tode kommt und Schmücke und Schneider den Kollegen Amtshilfe leisten, wird offensichtlich, dass die Täter Jugendliche und zudem recht unbedarft sein müssen. Für Schmücke liegt die Lösung auf der Hand: Hinter den jugendlichen Opfern der Umstände, muss sich ein erwachsener Drahtzieher verbergen, der sich selbst die Hände nicht schmutzig, aber großen Reibach macht.

          „Fehlschuss“ gewinnt an Dynamik, als Schmücke einen der Jugendlichen in Notwehr niederschießt. Zwischen dem Jugendhof, auf dem Vierzehnjährige beim Ex-Knacki Rossberg (Florian Martens) Sozialstunden ableisten, und der Kleingartensiedlung am Plattenbau, wo der ebenfalls verdächtige Koschinski (Henning Peker) mit Schreinerarbeiten ums Überleben kämpft, zwischen trostlosen Wohnungswänden mit prügelnden Vätern und verwahrlostem Spielplatzgerät suchen die Kommissare nach den Jugendlichen, bevor neues Unglück geschieht. Keine ausgebuffte Jugendgang, sondern desorientierte Kinder sind am Werke.

          Viele Flops, einige Glanzlichter

          Ein großer Wurf ist „Fehlschuss“ nicht, als Jubiläumsfolge passt sie, und sie entwickelt das Format ein klein bisschen weiter. Aufs Ganze gesehen aber bleibt sie unter den Möglichkeiten des „Polizeirufs 110“. Folgen wie „Flüssige Waffe“ (1988), in der Ulrich Mühe als Schlosser Kegel (an seiner Seite Jenny Gröllmann als Freundin Marlies) einen Alkoholiker auf kriminellen Abwegen spielt, als sei es ein Stück von Gerhart Hauptmann, haben Rundfunkgeschichte geschrieben. In „Das Duell“ (1990) verzweifelt Kriminalist Beck (Günter Naumann) vor dem Hintergrund der Wende-Demonstrationen an seinem Verständnis von Polizei und Politik.

          Noch für den DFF fahndeten Schimanski und Thanner an der Seite von Ermittler Fuchs nach deutschem Kulturgut, bevor die Serie nach der Abwicklung des Senders 1991 mit „Thanners neuer Job“ vorübergehend eingestellt wurde. Unter dem ARD-Schirm wird sie von 1993 an von den neu gegründeten Sendern MDR und ORB beziehungsweise dem SFB weitergeführt.

          Viele ARD-Sender haben sich seither am „Polizeiruf 110“ versucht. Neben Flops wie dem Bad Homburger „Polizeiruf“ des HR gab es Glanzlichter wie die WDR-Folgen „1 a Landeier“ (1995) und „Mein letzter Wille“ (2004) mit Inge Meysel. Regisseure wie Dominik Graf (“Der scharlachrote Engel“ und „Er sollte tot“) haben für den BR Maßstäbe gesetzt.

          Eine gute Gelegenheit zur Aufarbeitung der Zensurgeschichte

          Abschied und Neubeginn: Für das vielfach ausgezeichnete BR-Team Michaela May und Edgar Selge ist im November Schluss, die Nachfolger stehen mit Stefanie Stappenbeck und Jörg Hube bereit. Neu ist für den NDR der Schauplatz Rostock mit Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau. Von den NDR-Kommissaren Hinrichs und Tellheim aus Schwerin müssen wir uns verabschieden, was zu verschmerzen ist. Allein in der brandenburgischen Provinz bleibt beim RBB mit Johanna Herz (Imogen Kogge) und Polizeihauptmeister Horst Krause (Horst Krause) alles beim Alten. Bei Schmücke und Schneider zieht das Tempo etwas an.

          Sollte die Folge „Am hellerlichten Tag“ rekonstruiert werden, möchten wir sie gerne sonntags zur besten Sendezeit sehen. Vermutlich bliebe dem Publikum schleierhaft, warum gerade dieser Film verboten worden ist. Beste Gelegenheit, die Geschichte des „Polizeirufs 110“ dokumentarisch aufzufächern inklusive Zensurgeschichte. Material ist offenbar reichlich vorhanden.

          Weitere Themen

          Wo das Böse döst

          „Tatort“ aus Wien : Wo das Böse döst

          Gut Holz mit Hüttenaroma: Die Kommissare Eisner und Fellner machen in einem Feld-, Wald- und Wiesen-Fall im „Tatort: Baum fällt“ Urlaub vom echten Verbrechen.

          Topmeldungen

          Es muss nicht die große Karriere sein: Auch im kleinen leisten viele Arbeitnehmer Heldenhaftes.

          Erfolgreich im Beruf : Verborgene Helden

          Mit Karriere verbinden wir Geld, Aufstieg und Ruhm. Erfolg und Erfüllung gibt es aber auch hinter den Kulissen. Fünf Beispiele für ein erfülltes Berufsleben.

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          1:2 in Mönchengladbach : Die Bayern verlieren die Kontrolle und das Spiel

          Die Münchner dominieren das Topspiel zunächst nach Belieben, treffen aber das Tor nicht. Als sie es doch tun, kommt Gladbach schnell zum Ausgleich. In der Nachspielzeit überschlagen sich dann die Ereignisse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.