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Polizeiruf 110 : Im Tal der verlorenen Kinder

  • -Aktualisiert am

In Halle lässt eine Einbruchsserie die Gemüter nicht ruhen. Als eine alte Frau zu Tode kommt und Schmücke und Schneider den Kollegen Amtshilfe leisten, wird offensichtlich, dass die Täter Jugendliche und zudem recht unbedarft sein müssen. Für Schmücke liegt die Lösung auf der Hand: Hinter den jugendlichen Opfern der Umstände, muss sich ein erwachsener Drahtzieher verbergen, der sich selbst die Hände nicht schmutzig, aber großen Reibach macht.

„Fehlschuss“ gewinnt an Dynamik, als Schmücke einen der Jugendlichen in Notwehr niederschießt. Zwischen dem Jugendhof, auf dem Vierzehnjährige beim Ex-Knacki Rossberg (Florian Martens) Sozialstunden ableisten, und der Kleingartensiedlung am Plattenbau, wo der ebenfalls verdächtige Koschinski (Henning Peker) mit Schreinerarbeiten ums Überleben kämpft, zwischen trostlosen Wohnungswänden mit prügelnden Vätern und verwahrlostem Spielplatzgerät suchen die Kommissare nach den Jugendlichen, bevor neues Unglück geschieht. Keine ausgebuffte Jugendgang, sondern desorientierte Kinder sind am Werke.

Viele Flops, einige Glanzlichter

Ein großer Wurf ist „Fehlschuss“ nicht, als Jubiläumsfolge passt sie, und sie entwickelt das Format ein klein bisschen weiter. Aufs Ganze gesehen aber bleibt sie unter den Möglichkeiten des „Polizeirufs 110“. Folgen wie „Flüssige Waffe“ (1988), in der Ulrich Mühe als Schlosser Kegel (an seiner Seite Jenny Gröllmann als Freundin Marlies) einen Alkoholiker auf kriminellen Abwegen spielt, als sei es ein Stück von Gerhart Hauptmann, haben Rundfunkgeschichte geschrieben. In „Das Duell“ (1990) verzweifelt Kriminalist Beck (Günter Naumann) vor dem Hintergrund der Wende-Demonstrationen an seinem Verständnis von Polizei und Politik.

Noch für den DFF fahndeten Schimanski und Thanner an der Seite von Ermittler Fuchs nach deutschem Kulturgut, bevor die Serie nach der Abwicklung des Senders 1991 mit „Thanners neuer Job“ vorübergehend eingestellt wurde. Unter dem ARD-Schirm wird sie von 1993 an von den neu gegründeten Sendern MDR und ORB beziehungsweise dem SFB weitergeführt.

Viele ARD-Sender haben sich seither am „Polizeiruf 110“ versucht. Neben Flops wie dem Bad Homburger „Polizeiruf“ des HR gab es Glanzlichter wie die WDR-Folgen „1 a Landeier“ (1995) und „Mein letzter Wille“ (2004) mit Inge Meysel. Regisseure wie Dominik Graf (“Der scharlachrote Engel“ und „Er sollte tot“) haben für den BR Maßstäbe gesetzt.

Eine gute Gelegenheit zur Aufarbeitung der Zensurgeschichte

Abschied und Neubeginn: Für das vielfach ausgezeichnete BR-Team Michaela May und Edgar Selge ist im November Schluss, die Nachfolger stehen mit Stefanie Stappenbeck und Jörg Hube bereit. Neu ist für den NDR der Schauplatz Rostock mit Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau. Von den NDR-Kommissaren Hinrichs und Tellheim aus Schwerin müssen wir uns verabschieden, was zu verschmerzen ist. Allein in der brandenburgischen Provinz bleibt beim RBB mit Johanna Herz (Imogen Kogge) und Polizeihauptmeister Horst Krause (Horst Krause) alles beim Alten. Bei Schmücke und Schneider zieht das Tempo etwas an.

Sollte die Folge „Am hellerlichten Tag“ rekonstruiert werden, möchten wir sie gerne sonntags zur besten Sendezeit sehen. Vermutlich bliebe dem Publikum schleierhaft, warum gerade dieser Film verboten worden ist. Beste Gelegenheit, die Geschichte des „Polizeirufs 110“ dokumentarisch aufzufächern inklusive Zensurgeschichte. Material ist offenbar reichlich vorhanden.

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