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„Polizeiruf 110: Fremde im Spiegel“ : Die zurückgehaltenen Tränen der Johanna Herz

Nach acht Jahren und zwölf Fällen schlüpft Imogen Kogge zum letzten Mal in die Rolle der Johanna Herz. Horst Krause darf da nicht fehlen Bild: dapd

Imogen Kogge löst ihren letzten Fall als „Polizeiruf“-Kommissarin Johanna Herz. Brandenburg wird ärmer sein ohne sie. Immerhin erhält sie heute Abend einen Abschied, der gar nicht besser sein könnte. Dann geht sie mit Kaktus und Pappkarton.

          Es hätte alles viel früher vorbei sein können. Wenn Johanna Herz nicht ans Telefon gegangen wäre und stattdessen fortgefahren hätte, mit der Polizeipsychologin zu sprechen, die sie das erste Mal in all den Dienstjahren aufgesucht hat. Frau Dr. Eva Langhoff (Tina Engel) packt gerade ihre Sachen, sie quittiert den Dienst. "Ich hab die Nase voll davon, Polizisten zu therapieren, die eigentlich meinen, mit ihnen sei alles in Ordnung", sagt sie.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit Johanna Herz ist das zwar anders, denn schließlich ist sie freiwillig gekommen. Als sie aber anfängt zu erzählen, dass sie plötzlich immer so viel weinen müsse und gar nicht wisse, warum, da klingelt das Telefon, und Herz nimmt ab. Eine Frauenstimme sagt, die Polizeischülerin Christine Teichow (Katharina Schüttler) sei ermordet worden, man habe ihre Leiche in einen Kanal geworfen. Und so muss die Geschichte von den Tränen der Johanna Herz noch ein bisschen warten.

          Seit dem Frühjahr weiß man, dass dieser Fall der letzte der Kommissarin sein wird. Imogen Kogge hat zehn Jahre lang an der Seite von Horst Krause in Brandenburg ermittelt, und sie hat selbst entschieden, dass es nun vorbei sein soll. Sie habe, sagte sie, deutlich gemerkt, dass die Figur der Johanna Herz zu Ende erzählt sei - und auch, dass sie selbst eine neue Aufgabe brauche.

          Horst Krause (Dorfpolizist Krause) und seine Kollegin Imogen Kogge (Hauptkommissarin Johanna Herz) während der Dreharbeiten „Fremde Spiegel”

          Beim letzten Mal in Höchstform

          Und wie auf Kommando, als würde das Wissen darum, dass es kein nächstes Mal geben wird, aus allen Beteiligten das Beste herausholen, laufen sie (fast) geschlossen zur Höchstform auf. Johanna Herz legt ihre Betulichkeit ab, zeigt sich müde und zerbrechlich und wirkt darin überzeugender denn je. Horst Krause pflegt weiter sehr gekonnt seine Marotten, lächelt verschmitzt und wird, so viel ist klar, auch in Zukunft der Mann sein, der in diesem Polizeiruf für das Lokalkolorit sorgt.

          Das ungleiche, gleichwohl einander mit viel Sympathie begegnende Paar begibt sich auf die Suche nach Christine Teichow, deren Leiche indes verschwunden bleibt. Seltsamerweise scheint auch in der Polizeischule Oranienburg niemand wirklich zu wissen, wer die Frau eigentlich war. In der Schule begegnet Johanna Herz allerdings auch dem Lehrer Martin Becker (Jochen Horst), den sie gut kennt, weil die beiden früher einmal ein Paar waren, als sie selbst ebenjene Schule besuchten. In gewisser Weise kehrt Herz am Ende also zu ihren Anfängen zurück, und was sich zwischen diesen Anfängen und der Gegenwart in ihrem Leben getan hat, muss ihr missfallen.

          Eine wunderbare Melancholie liegt über diesem Film

          Oft sitzt Johanna Herz in diesem Film auf irgendwelchen Bänken, ihr Blick reißt, die Gedanken driften von dannen. Wie eine Frau, die von weit her wiederkehrt, nimmt sie sich dann zusammen und ermittelt weiter, wobei sie immer ein bisschen über den Dingen schwebt - ein Zustand, für den die Kamera (Michael Schreitel) mal fotografisch klare, mal poetische Bilder findet. Es liegt jedenfalls eine wunderbare Melancholie über diesem Film (Regie: Ed Herzog), den Ulrich Reuter mit fabelhafter Musik unterlegt hat.

          Das alles ist so gut gelungen, dass man auch die ein oder andere Schwäche des Drehbuchs (Annette Hess) gerne verzeihen möchte. Denn dass beispielsweise Christine Teichow keineswegs tot im Wasser liegt, ist dem Zuschauer im Grunde von der ersten Minute an klar, leider braucht das Ermittlerduo für diese Erkenntnis beinahe eine Dreiviertelstunde. Erst dann darf dieser "Polizeiruf" Fahrt aufnehmen und führt in guter alter Agatha-Christie-Manier auf allerlei verschiedene Fährten: Plötzlich hat nicht nur die Ehefrau von Martin Becker, Marion Becker (Valentina Sauca), ein Motiv.

          Auch die Polizeischülerin Nicole Brennicke (Klara Manzel) und ihr Verlobter Mike Kern (Matthias Faust) wissen mehr über Christines Geschichte, als sie preisgeben wollen. Das Ende wartet daher mit durchaus überraschenden Wendungen auf, die Johanna Herz aber nur in dem bestätigen, was sie die ganze Zeit spürte: Es ist Zeit, zu gehen. Und das könnte nicht besser gelingen als in diesem Film.

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