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„Operation Walküre“ 1971 : Das wahre Spiel vom 20. Juli

Harry Kalenberg und Joachim Hansen als Fromm und Stauffenberg in „Operation Walküre” Bild: EuroVideo

Schon lange vor Bryan Singers Stauffenberg-Film mit Tom Cruise gab es Verfilmungen des Attentats vom 20. Juli. Eine bemerkenswerte stammt aus dem Jahr 1971: Das Dokumentarspiel „Operation Walküre“ von Franz Peter Wirth und Helmut Pigge.

          Mittlerweile gibt es mehr als ein Dutzend Fernsehfilme, Dokumentationen und Miniserien über das Attentat vom 20. Juli 1944, von diversen thematischen Ablegern (etwa über „Die Frauen des 20. Juli“) ganz abgesehen. Anfang der siebziger Jahre war das noch anders. Damals gab es nur zwei deutsche Spielfilme, der eine von Georg Wilhelm Pabst („Es geschah am 20. Juli“), der andere von Falk Harnack („Der 20. Juli“), beide aus dem Jahr 1955, beide vom Publikum und von der Kritik teils höhnisch, teils bedauernd abgelehnt. Das deutsche Fernsehen hatte also etwas nachzuholen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Diese Aufgabe haben Franz Peter Wirth und Helmut Pigge mit „Operation Walküre“ glänzend gelöst. Schon der Anfang ihres zweiteiligen Dokumentarspiels ist ein Ereignis: eine fiktive Wochenschau von Ende Juli 1944, in der das Attentat und der Staatsstreich als geglückt vorausgesetzt und die ersten Maßnahmen des neuen Regimes geschildert werden. Aus großenteils authentischem, nur neu arrangiertem Material entsteht eine faszinierende Gegengeschichte: Liberale Minister werden vereidigt, Nazigrößen verhaftet, die Friedensproduktion läuft an, und an den Fronten erfahren die Soldaten endlich die Wahrheit über die desolate Kriegslage.

          Der Anchorman: Joachim Fest

          Dann, mit einem Schnitt ins Fernsehstudio, tritt jene Person ins Bild, die den Film über drei Stunden hin mehr als jeder seiner Darsteller und Zeitzeugen prägen wird: Joachim Fest. Fest, der später jahrzehntelang Herausgeber dieser Zeitung war, wird im Abspann von „Operation Walküre“ nur als Interviewer geführt, aber natürlich ist er viel mehr: Moderator, Conférencier, Berater, all das, was man heute mit dem Begriff „Anchorman“ verbindet. Fest führt durch die Schauplätze und interviewt die Überlebenden des Staatsstreichs, Widerständler wie Regimetreue, und er wahrt dabei die kalte Contenance eines Mannes, dem die historische Aufklärung über jede Äußerung persönlicher Betroffenheit geht. Heutige Fernsehhistoriker können von Fest manches lernen.

          Bevor die geschichtliche Rekonstruktion beginnt, dokumentiert „Operation Walküre“ den Kenntnisstand der frühen siebziger Jahre. Passanten werden auf der Straße nach dem 20. Juli gefragt; die meisten wissen gar nichts, einige mutmaßen „etwas Politisches“, ein junger Mann mit Pilzkopf und Peter-Handke-Brille erinnert sich an den Namen Stauffenberg, und ein Älterer erklärt, er sehe die Ereignisse von damals „nicht positiv“. Nur die Hälfte aller Bundesbürger weiß laut einer Allensbach-Umfrage von 1970 über den deutschen Widerstand Bescheid, und ein knappes Fünftel hält die Männer um Stauffenberg immer noch für Verräter. Diese Misere wollen Pigge und Wirth mit ihrem Film beenden.

          Zackig oder leger?

          Dabei gehen sie überaus methodisch vor. Die Figur Stauffenbergs wird durch einen Blick in die Garderobe des Schauspielers Joachim Hansen eingeführt, der sich mit Augenklappe und Lederhandschuh für seinen Auftritt fertig macht; der Darsteller des Otto Ernst Remer, Karl-Heinz von Hassel, fragt den echten Remer, wie er im Krieg gegrüßt habe, „zackig“ oder „leger“. Die Spielhandlung setzt am 15. Juli 1944 ein: Stauffenberg und Fromm (Harry Kalenberg) treffen aus Berlin in Rastenburg ein. Aber noch bevor sie in den Besprechungsraum gehen, sehen wir Joachim Fest im Gespräch mit Walter Warlimont, der damals mit Hitler am Kartentisch stand. In der „Wolfsschanze“, erklärt Warlimont, gab es keine Waffenkontrollen. Nicht nur das zeigt Bryan Singers „Walküre“-Version anders.

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