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„Operation Walküre“ 1971 : Das wahre Spiel vom 20. Juli

Dann blendet der Film zurück in die Vorgeschichte des Attentatsversuchs, zu Goerdeler, Beck und Gisevius (der zugleich als Zeitzeuge interviewt wird) und in Rommels Hauptquartier in La Roche Guyon, das die zweite Basis der Widerstandsbewegung ist. Gersdorff, Kleist-Schmenzin, Albert Speer und der durch Stauffenbergs Bombe verletzte Alfred Heusinger sagen aus, Rommels Adjutant in Frankreich schildert den Unfall, bei dem sein Dienstherr am 17. Juli schwer verletzt wurde, und auch der entsetzliche Remer wird befragt, der eigentliche Retter von Hitlers Regime, der am 20. Juli bei Goebbels die Stimme des „Führers“ im Telefon vernahm und mit seinem Wachregiment den Umsturz daraufhin abwürgte.

Jede Phase des Geschehens nachgestellt

„Operation Walküre“ ist filmische Aufklärung im besten Sinn: Jede Phase des Geschehens wird nachgestellt und zugleich rückschauend kommentiert. Wer verstehen will, warum Hitler das Attentat vom 20. Juli überlebte, ist bei Bryan Singer auf Vermutungen angewiesen; bei Pigge und Wirth bekommt er an einem detailgenauen Modell der „Wolfsschanze“ gezeigt, wie sich die Explosion in der Besprechungsbaracke ausgewirkt hat. Auch die innere Ursache für das Scheitern des Staatsstreichs wird bestürzend deutlich: „Wir waren Offiziere, keine Revolutionäre“, sagt Ludwig von Hammerstein, damals einer der jüngeren Akteure im Bendlerblock. Das fatale Zögern Friedrich Olbrichts, den „Walküre“-Plan auszulösen, das in der Kinoversion dramatisch überzeichnet wird, hat hier seinen Ursprung.

Natürlich sieht man in jeder Szene, dass dies ein Fernsehfilm von 1971 ist. Die Uniformen wirken künstlich, die Gesichter maskenhaft, und manche Darsteller, etwa Wolfgang Engels als Feldmarschall Kluge, spielen so übertrieben steif und zackig, dass ihre Figuren beinahe zu Karikaturen werden. Die Kamera stolpert dem Geschehen hinterher, und die nachgebauten Räume sind derart eng, dass sie, anders als in Singers Film, ständig überfüllt wirken. Aber alle diese Mängel werden durch die überwältigende Qualität der Originalinterviews aufgewogen. Wenn Bolko von der Heyde, damals Ia in Olbrichts Stab, erklärt, das Attentat hätte im Fall des Gelingens „den Feindmächten einen ungeheuren Auftrieb gegeben“, blickt man tief in die deutsche Durchhaltementalität und den Kadavergehorsam der letzten Kriegsmonate. Inzwischen sind fast alle Zeitzeugen tot, so dass der Film selbst den Rang eines historischen Dokuments bekommen hat. Schon deshalb ist er die richtige und notwendige Ergänzung zu Bryan Singers „Valkyrie“ wie zu Guido Knopps Geschichtsfernsehen.

Was aber hat Stauffenberg gesagt, als er vor dem Erschießungskommando stand? Sein Fahrer, den Joachim Fest für „Operation Walküre“ interviewte, hat „Es lebe das heilige Deutschland!“ gehört. Andere, viele andere, hörten „das geheime Deutschland“, und so hat es Fest in seinem „Staatsstreich“-Buch von 1994 auch überliefert. Die Stimme, die aus dem Brunnen der Geschichte zu uns dringt, bleibt dunkel, ihre Botschaft ein Rätsel.

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