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Neuer ZDF-Chefredakteur : Was nun, Herr Frey?

  • -Aktualisiert am

Versteht Verbindlichkeit als Tugend: Peter Frey Bild: Rainer Wohlfahrt

An diesem Donnerstag trat der neue Chefredakteur des ZDF an. Für den Eklat, der seiner Berufung vorausging, kann Peter Frey nichts. Sein Vorgänger fiel der Parteienmacht zum Opfer. Der Neue will befrieden und - die Nachrichten verändern.

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          Eigentlich könnte alles so schön sein mit diesem ZDF. Danach klingt es zumindest - fast, wenn man Peter Frey zuhört. Von diesem Donnerstag an ist der bisherige Hauptstadtstudioleiter neuer Chefredakteur des öffentlich-rechtlichen Senders - und ändern will er erst einmal wenig. „Ich werde jetzt nicht alles neu machen, Sendungen abschaffen oder erfinden, ohne mit den Kollegen gesprochen zu haben“, sagt der 52 Jahre alte Frey. Er wolle zuerst mit den Mitarbeitern strukturiert über seine Pläne sprechen und hören, was diese verbessern würden.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Vorgehen entspricht dem ausgleichenden Wesen des neuen Chefredakteurs, hat aber auch mit der Lage des ZDF zu tun. Im Idealfall hätte Frey sein neues Amt gar nicht antreten können, sondern wäre in Berlin geblieben. Dann wäre Nikolaus Brender weiter auf dem Posten, den er seit 2000 innehatte. So war es der Wille des ZDF-Intendanten Markus Schächter, der vorgeschlagen hatte, Brenders Vertrag zu verlängern. Doch das scheiterte bekanntlich am Widerstand von Unionspolitikern im Verwaltungsrat des Senders.

          Entwicklung, Leitung, Moderation

          Peter Frey weiß selbstverständlich um diese Hypothek. „Wenn der Intendant sich an einem solchen Punkt nicht durchsetzen kann, ist das eine bittere Erfahrung und bittere Niederlage.“ Dies habe das ZDF und die Mitarbeiter mitgenommen. „Der Sender ist immer noch wund gescheuert“, meint der neue Chefredakteur, der im Dezember einstimmig vom Verwaltungsrat gewählt wurde und es nun als seine Aufgabe ansieht, Ruhe in den Sender zu bringen. Die Politik habe sich in dem Konflikt plump verhalten, findet Frey, der in der Parteizuordnung im ZDF als „Roter“ gilt. „Es ging einfach um die Macht, es ging darum, zu zeigen, wer Herr im Haus ist.“ Ihm ist der Ursprung des Konflikts immer noch nicht klar. Nikolaus Brender habe nie Anlass gegeben, ihn auf diese Art und Weise abzuservieren. Die Gründe, die Hessens Ministerpräsident Roland Koch als Verwaltungsratsmitglied gegen Brender ins Feld führte, nennt Frey vorgeschoben. In der Affäre seien strukturelle Defizite deutlich geworden: „Das ZDF muss politikferner werden“, sagt er. „Aber mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass wir in der redaktionellen Arbeit sauber und unabhängig bleiben.“

          ZDF-Mitarbeiter demonstrieren im Dezember vor dem Konferenzgebäude des Senders

          Frey hat früh mit dem Journalismus begonnen. Mit sechzehn Jahren schrieb er für die Lokalzeitung in Bingen. Er studierte Politik, Pädagogik und Romanistik in Mainz und Madrid und promovierte über „Spanien und Europa, die spanischen Intellektuellen und die Europäische Integration“. Währenddessen arbeitete er für den Hörfunk und eine Zeitung. 1985 begann er als Redakteur und Reporter für das „heute journal“, und seitdem ging es für ihn nur nach oben: persönlicher Referent des Chefredakteurs Klaus Bresser, Korrespondent in Washington, dann Entwicklung, Leitung und Moderation des „Morgenmagazins“, schließlich Außenpolitik-Chef und „Auslandsjournal“-Moderator. Schon vor der ersten Wahl Brenders galt Frey als Kandidat für den Posten, für den er jetzt nach fast neun Berliner Jahren nach Mainz zurückkehrt.

          Es ging nur nach oben

          In der neuen Rolle ist er Manager. Trotzdem will Frey im Programm präsent bleiben. Dafür wird er die Gesprächsreihe „Was nun?“ beleben. Er kann sich eine Folge mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vorstellen, bevor dieser im Kundus-Ausschuss aussagt. Auch sei Gesellschaftspolitik gefragt, etwa mit einem „Was nun, Kirche?“. Bei Landtagswahlen will Frey kommentieren, zur Bundestagswahl wird er mit dem Kollegen der ARD die Berliner Runde leiten.

          Auch wenn Frey, der Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken ist, noch nicht viel verraten will, wird er das Programm des ZDF verändern. Drei Punkte hat er sich vorgenommen: Zum einem sollen die angesehenen Moderatoren des Senders häufiger auf dem Bildschirm erscheinen. Ihm sind immer noch zu viele Köpfe im Programm. So plant Claus Kleber abermals eine große Dokumentation, Marietta Slomka ist für einen Afrika-Zweiteiler unterwegs. Zum anderen sollen der Online-Auftritt und das Fernsehprogramm enger verknüpft werden. Und schließlich will Frey das neue Nachrichtenstudio bearbeiten. Klar, die Technologie sei ein Zukunftsmodell, und die Kollegen hätten viel Hirnschmalz, Arbeit und Zeit hineingesteckt. Doch gebe es ein Defizit: „Die Moderatoren springen den Zuschauer nicht so an, wie sie es könnten. Dass man das Gefühl hat, sie müssten sich gegen die Technik durchsetzen, gefällt mir nicht“, sagt Frey. Bei der Eröffnung der Nachrichten erschienen die Moderatoren zu klein. Die Ästhetik sei zu „wässrig“. „Aber das sind Dinge, die ich gerne im Redaktionsgespräch besprechen möchte.“ Eine Vorstellung, das merkt man, hat der Chefredakteur schon. Er hat genau hingeschaut, seine Kritik im Detail könnte die vieler Zuschauer sein.

          Der Maßstab ist gesetzt

          Peter Frey gilt als verbindlich und - als umgänglicher Chef. „Jeder hat sein Temperament, und jeder bringt das mit, was er mitbringt“, sagt er. Auch Verbindlichkeit sei eine Tugend und führe, mit der nötigen Hartnäckigkeit an den Tag gelegt, zum Ziel. Er werde nicht mit dem Hammer durch die Gegend laufen - und das solle keine Abgrenzung zu seinem als temperamentvoll geltenden Vorgänger sein.

          Ein zweiter Nikolaus Brender ist Peter Frey nicht. Vom Temperament her könnten die beiden kaum gegensätzlicher sein. Das kam in der Rede zum Ausdruck, die Frey auf Brender zu dessen Abschied am Dienstag hielt. Frey verhehlte die Reibungspunkte nicht und zollte seinem Vorgänger doch Respekt, und so auch der Redaktionsmannschaft. „Der Mann ist gut!“ schreibt Nikolaus Brender in seiner Abschiedsmail an die Mitarbeiter. „Bitte unterstützen Sie in, so wie Sie auch mich in der Vergangenheit unterstützt haben.“

          Peter Frey wird mit seinen Mitteln um die Unabhängigkeit kämpfen, für die sein Vorgänger stand. Doch er wird auch kämpfen müssen. Der Maßstab für den Chefredakteur ist gesetzt.

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