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Neuer „Polizeiruf“ aus München : Wie Störtebeker ohne Kopf

Nur Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) weiß, was die Zeilen bedeuten, die eine Attentäterin hinterlässt Bild: Erika Hauri

Der neue „Polizeiruf“ aus Bayern ist ein funkelndes Meisterwerk, ein Krimi, an dem alles stimmt. Nur dass der zweite Fall mit Matthias Brandt und Anna Maria Sturm verschoben wird, trübt das Vergnügen.

          4 Min.

          Sein Name: Hanns von Meuffels. Sein Beruf: Kommissar. Sein Aufenthaltsort: deplaziert. Sein Gemütszustand: verwirrt. Es gibt keine Vorrede, nur Vexierspiele. Eine Frau in einem Bauernhaus, Blick von drinnen nach draußen, von draußen nach drinnen. Ein Eindringling mit einer großkalibrigen Waffe und ein Schuss. Mitten ins Gesicht, das Opfer unkenntlich machend. Hastiger Aufbruch der Polizei.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es tritt auf: der Kommissar (Matthias Brandt als distinguierter Herr). Die Kamera umschwirrt ihn, am Tatort herrscht Chaos, die Spurensicherung ist bei der Arbeit. Diana Vogt (Alma Leiberg als Wiedergeburt von Uschi Obermaier) ist ermordet worden, die Frau des beliebten Polizisten Gerry (Ronald Zehrfeld als Weiberheldkumpeldraufgänger). Auch der ist schon da und will natürlich selbst ermitteln. Ein Taxi fährt vor. Es steigt aus: Diana Vogt. Die Tote im Flur ist eine andere. Die Täterin, meint der hagestolze Ehemann Gerry, könnte eine seiner Verflossenen sein, „Cassandra“ sei ihr Name.

          Das ist die Szene, mit welcher der neue „Polizeiruf 110“ des Bayerischen Rundfunks beginnt. Was folgt, ist nicht weniger verwirrend; verwirrend bis zum Schluss, an dem das vertrackteste Fernsehkrimirätsel gelöst wird, das wir seit Urzeiten gesehen haben. Die neunzig Minuten dazwischen sind ein atemloses Meisterwerk, eine reife Leistung des Regisseurs Dominik Graf und des Drehbuchautors Günter Schütter. Die beiden machen schon seit langem gemeinsame Sache, seit den frühen neunziger Jahren, seit sie zwei Folgen der Serie „Der Fahnder“ gestaltet haben und den Film „Die Sieger“. Sie sind ein eingespieltes Team, und nun spielen sie mit ihrem neuen Kommissar.

          Anna (Anna Maria Sturm) beim Showdown, ihren Kollegen Ari (Samir Fuchs) hat es schon niedergestreckt.
          Anna (Anna Maria Sturm) beim Showdown, ihren Kollegen Ari (Samir Fuchs) hat es schon niedergestreckt. : Bild: Erika Hauri

          Eine Abrechnung mit dem heutigen München

          Dessen Charakter weist Cornelia Ackers, die zuständige Fernsehspielredakteurin des Bayerischen Rundfunks, als einen ganz besonderen aus, als unkonventionellen Konservativen, als jemanden, der „für eine Kurskorrektur in unserer Gesellschaft“ steht, „für ein ungeheuer brisantes Lebensgefühl“. Das ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen, zunächst einmal sind die Umstände, unter denen dieser Kommissar von Meuffels antritt, brisant.

          Den Adligen aus dem Norden, gerade versetzt aus Bremen, lassen die Kollegen in München nämlich nach allen Regeln der Kunst auflaufen. Mit den Ritualen auf der Wache ist er nicht vertraut, das ändert sich erst nach einem derben Saufabend. Und was er von ihnen will, verstehen die meisten in seiner Truppe auch nicht. Mit „Esprit“ möge sie die weiterhin von der Attentäterin bedrohte Diana Vogt aushorchen, sagt der Kommissar einer Polizistin, die zur Bewachung abgestellt worden ist. Doch die versteht nur Bahnhof. Dass die Gedichtzeilen, die Cassandra der Polizei zukommen lässt, Zitate aus „Die Blumen des Bösen“ sind, erkennt außer von Meuffels auch keiner. Doch der kennt seinen Charles Baudelaire. Dabei hat der Bildungsermittler von seinem eigenen Adelsgeschlecht keine hohe Meinung. Es sei, bemerkt er nebenbei, „eher so eine Sippe, deren sinnentleertes Macht- und Pietätgehabe nach der Verarmung weitergelaufen ist wie Störtebeker ohne Kopf“.

          Für solche Sentenzen hat das Drehbuch von Günter Schütter, bei all den Verwicklungen, mit denen es aufwartet, immer noch Platz. Und auch für Nebenfiguren, die man gern wiedersähe. Den Kriminaler McFly (Philipp Moog) zum Beispiel, der sich trotz aller Widerborstigkeit als verlässliche Stütze des Neuen erweist. Oder Ari Ben Kanaan (Samir Fuchs), der als Diana Vogts Bodyguard fungiert und den Schütter und Graf in die einzige etwas deplazierte Szene jagen, in der er sich mit seiner Schutzbefohlenen ein Rededuell über das Rollenverhalten von Frauen und Männern und die Feindschaft zwischen Israel und den Palästinensern liefert - Ari stammt aus dem Gazastreifen. Eine Abrechnung mit dem heutigen München („im Zeitalter der Babykacke“) gibt es obendrein, als Kommissar von Meuffels die pensionierte Kollegin Serrano (Doris Kunstmann) aufsucht („Serrano - wie der Schinken“), die den guten alten Zeiten nachtrauert, in denen es keine schicken Lofts gab, in denen „die darin Lebenden gar nicht merken, wie tot sie sind“, und noch fröhliche Schwulentrupps den Park bevölkerten und nicht urbane Erfolgsmenschen mit ihrem Nachwuchs.

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