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Nachrichtensender N24 : Du sollst nicht langweilen!

Auf dem Weg zur Nachricht Bild: picture-alliance/ dpa

Wer Nachrichten als lästige Pflichtübung begreift, muss sich nicht wundern, wenn sie keiner sehen will: Warum es bei N24 nicht so recht klappen will mit der Idee, mit Nachrichten im Fernsehen Geld zu verdienen.

          Auf einmal war Salvatore wieder da, der Hütchenspieler von RTL mit seiner Sonnenbrille und seinen drei Walnussschalen. Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bescherte der Mann mit seinem Gewinnspiel dem Sender erstmals eine Einschaltquote von über einer Million Zuschauer, Anfang der Neunziger war er dann plötzlich verschwunden. Am Donnerstag aber stand er auf einmal in einem Berliner Polizeirevier und erklärte den Beamten und den Kameras des Nachrichtensenders N24 die Tricks der Hütchenspieler: Auch die waren nämlich plötzlich wieder da, und wäre N24 nicht gewesen, wer weiß: womöglich stünde die Nation diesem gefährlichen Comeback noch immer ahnungslos gegenüber.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          N24 geht es nicht gut: Seit Anfang der Woche steht der Sender, den der Fernsehkonzern Pro-Sieben-Sat.1 hartnäckig als Nachrichtensender ausgibt, inoffiziell zum Verkauf (siehe auch: Im Gespräch: Pro Sieben Sat.1-Chef Thomas Ebeling zum Verkauf von N 24), und weil man ohne BWL-Studium aus der Bilanz des Unternehmens nicht mehr so richtig schlau wird, seit dort die Finanzinvestoren KKR und Permira das Sagen haben, sind die wirtschaftlichen Gründe dafür nicht ganz so einfach zu verstehen: „Dauerhaft defizitär“, wie Pro-Sieben-Sat.1-Chef Thomas Ebeling erklärte, ist N24 jedenfalls vor allem deshalb, weil ihn die Investoren erfolgreich arm rechnen, indem sie die Haupteinnahmen von 65 Millionen Euro einfach ignorieren, welche die anderen Sender des Konzerns für die Lieferung der Nachrichten überweisen. Im Prinzip aber versuchen die Verantwortlichen mit diesen bilanztechnischen Kapriolen auch nichts anderes zu beweisen als der Sender mit seinem täglichen Programm: Wie lästig es ihnen eigentlich ist, Fernsehnachrichten zu produzieren.

          Wer sich in dieser Woche ein Bild davon machen wollte, warum es bei N24 nicht so recht klappen will mit der Idee, mit Nachrichten im Fernsehen Geld zu verdienen, dem lieferten Salvatore und sein Hütchenspiel schon eine ganz anschauliche Demonstration der Misere. Mit Sparzwängen allein jedenfalls kann man nicht erklären, warum ein Sender seine Seriosität so schonungslos selbst parodiert. Dazu gehört schon auch ein ordentlicher Wille zur Irrelevanz.

          Katastrophen und Konstrukte

          Seit Jahren arbeitet N24 so konsequent am Abbau von Aktualität und Brisanz, dass man sich wundern muss, dass niemand Einspruch einlegt, wenn sich der Sender immer wieder als „Marktführer unter den Nachrichtensendern“ präsentiert. Neben den schon notorischen Dokumentationen über die Welt der Militärtechnik, deren Faszination offensichtlich nie nachlässt, beweist der Sender mittlerweile auch auf anderen Themengebieten ein außerordentliches Geschick dafür, eine belanglose Phantomwirklichkeit in den Mittelpunkt seines Interesses zu stellen.

          Die Reihe „Die Reportage XXL“ etwa, die von sich behauptet, „hinter die Kulissen der Gesellschaft“ zu blicken, beschäftigte sich in dieser Woche mit den Themen „Risse, Schimmel, Wasserschaden - Pfusch am Bau“ und „Unternehmen Großkantine - Köche am Rande des Nervenzusammenbruchs“, das Magazin „N24 Wissen“ löste das Rätsel „Wie stellt man das größte Fischstäbchen der Welt her und bekommt es dann auch noch in die Bratpfanne?“, und zur Primetime präsentiert derzeit Dieter Kronzucker seine Reihe „Menschen & Mythen“, die sich vom hektischen Tagesgeschehen auch nicht davon abbringen lässt, endlich einmal Themen wie „Salz“, „Glas“ oder „Alpen“ aufzuarbeiten. Man kann das Konzept kaum besser zusammenfassen, als es der Titel der Technik-Doku-Reihe von N24 tut: „Katastrophen und Konstrukte“.

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