https://www.faz.net/-gqz-135ik

Nachrichten-Offensive beim ZDF : Alles im grünen Erklärbereich

Ein Studio wie ein Raumschiff: vor, hinter und neben der Kirschholzrampe wird es aber weiter Moderatoren geben Bild: ddp

Mit einem halben Jahr Verspätung läutet das ZDF die Zukunft der Nachrichten ein: Aus dem dreißig Millionen Euro teuren Studio kommen künftig Berichte in 3D. Aus Moderatoren werden Entertainer.

          3 Min.

          Die Zeiten von Jeans und Turnschuhen sind für die Nachrichtenmoderatoren des ZDF vom 17. Juli an vorbei. Von diesem Tag an habe die Damen und Herren einen Unterleib, einen, den die Zuschauer sehen. Die Anzugsordnung verschärft sich, künftig ist vor allem die Farbe Grün verboten, die Moderatoren werden von Stylisten zwangsberaten. Doch das ist nur ein Nebeneffekt: Die Nachrichten des ZDF werden virtuell, aufgenommen im neuen „Studio N“, einer großen grünen Höhle oder Hölle, die der Sender für dreißig Millionen auf den Mainzer Lerchenberg gesetzt hat.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Ich stehe in einem grünen, horizont- und schattenlosen Nichts“, sagt der Moderator Steffen Seibert. „Das Auge weiß nicht, wo es sich festhalten soll.“ Wie sollte es das auch, in einem Raum, in dem sich außer den Moderatoren nur zwei Kameraroboter und drei „Pumpen“ - wie die auf Luftkissen dahingleitenden Handkameras genannt werden - befinden. Der zu einem verbogenen Kreuz geformte Tisch aus Kirschholz ist mit einem Flugzeuglack gestrichen, der nicht glänzt und nicht reflektiert. Das Raumschiff Lerchenberg hat eine neue Nachrichtenzentrale.

          Moderatoren im leeren Raum

          Dessen Kraftzentrum ist unsichtbar und liegt im Computer, in einer rechnergestützten, dreidimensionalen Graphik, die einen virtuellen „Erklärraum“ kreiert. An die Stelle des Blue-Screens tritt das gesamte Studio, die Moderatoren sind zwar allein auf weiter Flur, für die Zuschauer aber sieht es von Fall zu Fall so aus, als bewegten sie sich in fremden Welten. So etwas gibt es in Ansätzen schon bei den Nachrichten von RTL, auch die ARD hat einen solchen Modernisierungsschub im Sinn, das ZDF glaubt den anderen aber zwei, drei Jahre voraus zu sein. Derartige Möglichkeiten der Versinnbildlichung, sagt der stellvertretende Chefredakteur Elmar Theveßen, seien in Europa zumindest einmalig, kein größeres Projekt habe der Sender in den letzten Jahren in Angriff genommen: „Das ist Zukunft pur.“

          Etwas schlicht und grün sieht es aus im virtuellen Studio...

          Wie diese Zukunft zu beherrschen sei, das erproben die Moderatoren, Redakteure und Graphiker seit einigen Wochen. In den letzten Tagen vor der Umstellung werden die Nachrichten parallel im neuen und im alten Studio produziert. Aus dem von dem Potsdamer Architektenbüro Axthelm entwickelten Neubau, dessen terrassierte Dachfläche mit achtzehn Ebenen ins Auge sticht, sollen sämtliche Nachrichtensendungen des ZDF kommen: „heute“, „heute journal“ und „heute nacht“, etwas später die Kindernachrichten „logo!“, das „ZDF-Mittagsmagazin“ und die wöchentlichen Sendungen „blickpunkt“ und „ZDFwochenjournal“.

          Kein Blick mehr zurück

          „Wir wollten eine Neupositionierung“, sagt der Projektleiter Heiner Butz. Dabei gehe es darum, die Stärken der „heute“-Familie - das anschauliche Erklären - in modernster Weise hervorzukehren. Darum der „Erklärraum“, darum eine Ästhetik, die vollständig internetkompatibel und für jüngere Zuschauer wie gemacht scheint. Das ältere Publikum freilich wird sich mit der Umstellung wohl erst anfreunden müssen. Und was bringt der virtuelle „Erklärraum“? Das seien Flächen, sagt der Entwicklungschef des neuen Nachrichtenstudios, Robert Sarter, „in die man Objekte oder Modelle hineinlegen kann, um dem Zuschauer schwierige Sachverhalte wie die Entstehung eines Tsunami besser erklären zu können.“ So etwas funktioniere nur in einem virtuellen Studio.

          Ist man erst einmal drin in dieser großen grünen Hölle, erscheint einem das Dagewesene wie von vorvorgestern. Im alten Studio von „heute“ und „heute journal“, das in einen recht flachen, ehemalige Lagerraum gebaut wurde, gibt es noch echte Kulissen, die einem auf einen Schlag museal erscheinen. „Sosehr wir vor einigen Monaten noch gefremdelt haben“, sagt der Moderator Steffen Seibert, „so sehr gilt: Wir werden nie mehr zurückschauen, das Bisherige wird uns altertümlich vorkommen. Die Aufgabe des Moderators aber bleibt im Wesentlichen wie zuvor: Es geht darum, komplizierte Zusammenhänge klar, verständlich und interessant in Worte zu fassen.“

          Pentathlon im Nachrichtenparcours

          Und in der Tat wirkt die Technik nicht übermächtig. Es gäbe zwar die Möglichkeit, die Nachrichten hollywoodreif zu inszenieren, doch haben die Nachrichtenmacher des ZDF nicht vor, im Studio virtuelle Hubschrauber landen zu lassen. „Wir machen den Zuschauern nichts vor“, sagt Heiner Butz, der das Projekt „Studio N“ seit drei Jahren betreut. Ihm war es auch darum zu tun, dass die Nachrichten des ZDF fortan im Fernsehen und im Internet wie aus einem Guss erscheinen. Dafür braucht es eine Zusammenarbeit zwischen Redakteuren, Graphikern und Onlinern, wie es sie zuvor nicht gegeben hat, folglich findet sich mitten im neuen Studiokomplex auch die Nachrichtenzentrale von ZDF online.

          Auf die Moderatoren wird es, anders als man denken könnte, mehr ankommen denn je. Sie verschwinden nicht in der „grünen Hölle“, sie wirken, wie der stellvertretende Chefredakteur Theveßen meint, „noch präsenter“. Ihre Aufgabe wird anspruchsvoller, sie müssen sich als Meister des modernen Nachrichtenfünfkampfs beweisen - sie verlesen nicht mehr nur Nachrichten, sie moderieren, schreiten umher, gestikulieren, deuten und führen Interviews, bei denen die Kamera den Sprechenden im Studio über die Kamera schaut oder das zugeschaltete Gegenüber an die Stelle „beamt“, die der Moderator avisiert. Nach ein paar Wochen, hofft der Chefredakteur Theveßen, haben sich alle an die Nachrichten in 3D gewöhnt. Seine Kollegen machen im „Studio N“ schon jetzt eine ganze gute Figur.

          Weitere Themen

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Proteste in Hongkong : China setzt auf Konfrontation

          Der Hass auf Peking hat eine radikale Eigendynamik entwickelt. In Hongkongs Jugend wächst die Sehnsucht nach einer eigenen Nation. Für alle Seiten droht ein bitteres Ende.
          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.