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Mitteldeutscher Rundfunk : Schunkeln, bis die Anstalt kracht

  • -Aktualisiert am

Ein Rückfall könnte tödlich sein

Die ARD, gegründet als föderales Gegenmodell zum zentral gesteuerten Staatsrundfunk der Nazis, sowie das später gezeugte ZDF sind sichtbar nicht mehr die Jüngsten. Der mit Hilfe des Privatsenderzampanos Stefan Raab beförderte jugendliche Smashhit namens „Eurovision Song Contest“ oder die verdammt späte Erkenntnis, dass Ina Müllers Show auch im Ersten und nicht nur im Dritten funktioniert, verdeckte die Falten nur für eine Nacht. Die Krise auf dem Feld Unterhaltung der beiden Großen ist eine Lebenskrise, wie sie im Alter jeden auch außerhalb geschlossener Anstalten ereilen kann.

Daraus ließe sich gestärkt wieder auftauchen. Voraussetzung allerdings sind: eine ehrliche Diagnose, eine mitleidslose Therapie und die Einsicht, dass ein Rückfall tödlich sein könnte. Patienten in einen Heilschlaf zu versetzen mag kurzfristig wirken, ändert jedoch nichts an den Ursachen diagnostizierter Schwächen. Dass die Deutschen immer älter werden, ist wahr. Aber noch sind nicht alle so verkalkt, so verstützstrumpft, so verblödet, dass sie außer Volksmusik nichts mehr hören und außer Veronica Ferres nichts mehr sehen wollen.

Selbstmord in Raten

Feige sich davor fürchtend, ermordet zu werden, wurde seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als das Zeitalter des Privatfernsehens begann, von den Öffentlich-Rechtlichen Selbstmord in Raten begangen, statt sich der Herausforderung selbstbewusst zu stellen. Die Formel der ARD und des ZDF darf eben nicht wie bei der Konkurrenz lauten: Qualität oder Quote, sondern Qualität und Quote und im Zweifelsfall auch Qualität ohne Quote. Dafür und nicht als Startgeld beim Rattenrennen sind die Einnahmen durch Gebühren gedacht. Nur wenn das garantiert wird, darf über eine Erhöhung der Rundfunkgebühren überhaupt erst nachgedacht werden.

Die Lieblinge der Prolos auf den Sendern der geistigen Oberschicht, Arte und 3sat, gegeneinander kämpfen zu lassen, das wäre, unter strategischen Gesichtspunkten betrachtet, einmal ein genialer Einfall, weil die Grundbedingungen für spannende Unterhaltung erfüllt sind - durch Verfremdung der Inhalte zu überraschen, die allen vertraut scheinen. In diesem fiktiven Fall wären Arte und 3sat das fremde Terrain, das die aus RTL und Sat.1 und Pro Sieben und Vox und Kabel 1 und MDR bekannten Helden der Unterschicht betreten müssten. Millionen von Deutschen würden Sender einschalten, von deren Existenz sie bisher nichts ahnten; es würde überraschend Kulturgut auf Leergut prallen.

Kultige Knallchargen

Und die Stammkunden von Arte und 3sat, die sich was Besseres dünken, die nie gesehen haben, wie spielend es geschlossenen Anstalten gelingt, mit talentlosen Trotteln, kultigen Knallchargen und furchtlosen Zotenlümmeln traumhafte Einschaltquoten zu erzielen, würden erschaudernd erfahren, was blüht jenseits ihrer gepflegten „Kulturzeit“-Beete. Wahrscheinlich hätten 3sat und Arte einen in ihrer von Anspruch statt Quoten geprägten Geschichte noch nie erreichten Marktanteil in der anderen Sendern hörigen Zielgruppe zwischen erster Zahnspange und erstem Zungenkuss.

Wer mit einer solchen Haltung Unterhaltung wagt, hätte einen gesamtdeutschen Fernsehpreis verdient. Es dürfte sogar eine „Goldene Henne“ sein.

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