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Mission Hollywood : Zier dich nicht so!

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„Stell Dich nicht so an”: Til Schweiger und Kandidatinnen Bild:

Was ist eigentlich die Lehre der neuen Castingshow „Mission Hollywood“ von RTL? Es ist der Aufstieg der sexuellen Belästigung zum Unterhaltungsgenre. Von Männern, die „Stell dich nicht so an“ sagen, und „Ausziehen!“ meinen.

          Es wäre falsch, die neue Castingshow „Mission Hollywood“ des Fernsehsenders RTL nur einen weiteren Schritt der Vulgarisierung zu nennen, eine nächste Umdrehung in der Abwärtsspirale des Privatfernsehens. Was in den nächsten Wochen geboten werden soll, ist etwas Neues in der Fernsehgeschichte, ein Format, durch das, was wir die Öffentlichkeit nennen, neu definiert wird. Wir müssen uns ernsthaft fragen, ob wir das wollen. Um es kurz zu fassen: Es ist der Aufstieg von sexueller Belästigung zum Unterhaltungsgenre.

          Was ist passiert? Zwölf Mädchen wurden eingeladen, sich an einem Casting zu beteiligen, das im Fernsehen übertragen wird. Die Bezeichnung für das, worin sie sich bewähren müssen, heißt im Vorspann noch „Schauspielerei“; als Preis winkt eine Nebenrolle in dem Kinoblockbuster „Twilight“, auch das, wie hier betont werden muss, ein jugendfreier Unterhaltungsfilm. Um auch sonst keinen Verdacht aufkommen zu lassen, arbeiten die Juroren ebenfalls jenseits der Show im Schauspielgewerbe: Til Schweiger, der durch das Casting leitet, ist Schauspieler; Heiner Lauterbach, der als Gastjuror dazutritt, ist Schauspieler und Bernard Hiller bildet in Hollywood Schauspieler aus.

          Das Mädchen will keine Gumminippel

          Um sich das Ausmaß dieses öffentlichen Sozialisationsexperiments vor Augen zu führen, stellen wir uns von jetzt an am besten vor, dass das, was vor hunderttausenden Zuschauern ausgebreitet wird, ohne Kameras stattgefunden hätte, ohne Scheinwerfer, ohne Werbung, ohne Zeugen. Die Geschichte würde dann wie folgt ablaufen: Ein Mädchen bewirbt sich bei einer Castingagentur, ihr Wunsch ist es, in dem Film „Twilight“ eine Rolle zu erhalten. Zunächst bittet man sie, etwas über sich zu erzählen, über ihre Persönlichkeit, denn um die Darstellung von Charakteren geht es ja in der Schauspielerei. Das Mädchen erzählt vom Tod ihrer Mutter, eine andere Kandidatin davon, wie sie in der Schule gehänselt wurde. Es ist der Moment, in dem sich leise eine Tür zuzieht. Von jetzt an kann das Sozialisationsexperiment beginnen.

          Wenn sie danach das Studio betritt, sieht sie sich drei Männern gegenüber, die nun anfangen, die Welt, in der das Mädchen arbeiten möchte, umzudefinieren. Von „soft targets“ sprechen Militärstrategen, wenn sie Bomben auf Krankenhäuser, Schulen oder Wohnungsviertel werfen und das öffentlich nicht benennen wollen. Von „Mut“ spricht Til Schweiger, wenn er das Mädchen auffordert, als erstes eine Stripteaseszene zu tanzen. Es ist nichts anderes als Teil eines Initationsritus, in dessen Verlauf das Mädchen noch weitere Falschheiten schlucken muss: Die größten Momente der Filmgeschichte, sagt man ihr, seien der gespielte Orgasmus aus „Harry und Sally“, der Striptease in „9 1/2 Wochen“ und der Zungenkuss zweier Mädchen in „Eiskalte Engel“. Schauspielerei, so die Ableitung, bedeutet sich Nippel ankleben, den BH ausziehen und den Hintern zeigen. „Du tscholscht nich tscho nervösch tschein,“ sagt Til Schweiger, der es trotz Sprachfehler zum Schauspieler gebracht hat, als das Mädchen sich keine Gumminippel aufkleben lassen will und sich weigert, für die Szene den BH auszuziehen. Das Mädchen fühlt sich sichtlich unwohl. Sie weigert sich mitzumachen. Til Schweiger sagt, dass es aber besser aussehe.

          Männer, die „Mut“ sagen und „Ausziehen“ meinen

          Und an diesem Punkt lohnt es sich, die Sprache, die hier von Til Schweiger gesprochen wird, zu übersetzen: „Stell Dich nicht so an“ oder „jetzt zier Dich nicht so“, sind die Formulierungen, die für gewöhnlich in solchen Momenten verwendet werden. Es sind Sätze, in denen es darum geht, so zu tun, als läge der Fehler nicht bei dem, der die Handlung fordert, sondern bei der, die sie nicht ausführen möchte. „Sexuelle Belästigung“ heißt das, wenn keine Kameras dabei sind. Außerhalb des Fernsehens umfasst sie Situationen im Berufsleben, in denen eine hierarchisch höher stehende Person, Vorteile oder Nachteile mit der Ausführung einer sexuellen Handlung verknüpft.

          Im Fernsehen läuft dieselbe Situation plötzlich unter „selber schuld“. Es wird hingenommen, als ob eine Castingshow das gerechtfertigte Bestrafungsritual für Mädchen ist, die eine Fernseh- oder Kinorolle bekommen möchten. Als ob Demütigung nun einmal der normale Gang der Dinge in den Medien sei. Sie könnten ja einfach gehen, lautet der Einwand. Wer so argumentiert, hat aber die Logik, dass im Fernsehen ein anderes Recht gilt, schon akzeptiert: Im Arbeitsrecht ist die sexuelle Belästigung eingeführt worden, weil Frauen solchen Situtationen gar nicht erst ausgesetzt werden sollen, unabhängig von der Frage, ob sie etwas anderes machen könnten.

          Was Til Schweiger und RTL hier inszenieren, ist nichts anderes als der Trick, mit dem bestimmte Männer junge Frauen zum „Fotoshooting“ einladen. Vor Männern aber, die von „Mut“ sprechen, wenn sie „Ausziehen“ meinen, haben wir unsere Töchter immer gewarnt.

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