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Millionenschaden für den Kinderkanal : Der Betrug war kinderleicht

  • -Aktualisiert am

Kika, der öffentlich-rechtliche Kinderkanal, residiert im MDR-Landesfunkhaus Thüringen in Erfurt Bild: dapd

Der Finanzchef des gebührenfinanzierten Kinderkanals Kika soll den Sender um vier Millionen Euro betrogen haben. Der Vorfall reiht sich nahtlos in die lange Kette der Finanzskandale bei ARD und ZDF ein. Wie konnte das passieren? Steckt dahinter ein System?

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          Mit der Summe, um die der Finanzchef des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals Kika in Erfurt seinen Sender in den vergangenen fünf Jahren mutmaßlich betrogen hat, ließen sich alle zwei Millionen Besucher des hiesigen Weihnachtsmarktes zu einem Glühwein auf dem Domplatz einladen: Auf vier Millionen Euro könnte sich der Schaden belaufen, den Marco K., die Nummer zwei in dem gebührenfinanzierten Gemeinschaftsunternehmen aus ARD und ZDF, angerichtet hat. Es ist die Geschichte eines einflussreichen Fernsehbürokraten, hinter dessen pflichtbewusster Maske sich wohl Spielsucht verbarg. Befriedigen konnte er sie allerdings nur, weil sich seine kriminelle Energie über Jahre unbehelligt in dem Verwaltungsmilieu seines Arbeitsplatzes entfalten konnte.

          Steffen Kottkamp, die Nummer eins im Kika, sitzt nur ein paar Meter vom Tatort entfernt. Sein Büro liegt zwischen großzügigen Fenstern, hinter denen eine dichte Schneedecke blendet. Zumindest der Bau hoch über der Stadt ist transparent. Eine eindeutige Sicht der Dinge habe man zum jetzigen Zeitpunkt aber selbst noch nicht, heißt es gleich zu Gesprächsbeginn.

          Es geht um mehr als die Wiederherstellung der Reputation

          Zumindest war der Programmgeschäftsführer nicht überrascht, als sein Herstellungsleiter - so die offizielle Stellenbeschreibung - am Dienstag dieser Woche in dessen Büro von Beamten des Landeskriminalamtes festgenommen wurde. Er wusste von den Ermittlungen, die er nach Kräften unterstützt. Daran besteht kein Zweifel. In der Ablage stapeln sich die Zeitungsartikel über den „Finanzskandal“, zu dessen Klärung er einen fünfköpfigen Krisenstab eingerichtet hat. Außerdem kümmern sich die Innenrevision des MDR, der hier federführend ist, sowie eine Frankfurter Anwaltskanzlei, die sich mit Wirtschaftskriminalität auskennt.

          Kultfiguren aus dem Kinderkanal: Käpt'n Blaubär (vorn) und Hein Blöd
          Kultfiguren aus dem Kinderkanal: Käpt'n Blaubär (vorn) und Hein Blöd : Bild: dpa

          „Es ist jetzt unsere Aufgabe, diese Lücke im Kika aufzudecken“, sagt Kottkamp. Dabei geht es um mehr als um die Wiederherstellung der Reputation eines Senders, der seinen Zuschauern ein pädagogisch wertvolles Kinderfernsehen beschert. Dieser Fall ist größer als der Kika mit seinen 150 Mitarbeitern. Denn alles deutet auf einen der größten Betrugsfälle der deutschen Fernsehgeschichte hin.

          Die Angelegenheit hat ein Vielfaches der Wucht, mit der Wilfried Mohren den MDR einst erschüttert hat. Der frühere Sportchef wurde im vergangenen Jahr wegen Bestechlichkeit zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er musste 380.000 Euro Schadenersatz an den Sender zahlen. Ein halbes Jahr später heuerte er als Pressesprecher beim Traditionsverein FC Rot-Weiß Erfurt an, in der dritten Liga.

          Vier-Augen-Prinzip bei Rechnungen

          In der Zwischenzeit hat der MDR seine Kontrollmechanismen verschärft, wie es heißt. Es gibt einen Antikorruptionsbeauftragten. Der hatte in diesem Frühjahr auch einen Hinweis zu dem überraschend vermögenden Herrn K. auf dem Tisch, der sich aber zunächst als haltlos erwies. Der Kika-Mitarbeiter gilt in Erfurt als öffentliche Figur. Der Kika, ein Geschenk deutscher Strukturpolitik an die Landeshauptstadt, hat hier Gewicht. Auch deshalb wurde K. letztes Jahr von den Lesern der „Thüringer Allgemeinen“ zu den hundert bedeutendsten Thüringern gewählt.

          Ein Aufsteiger, der sein Volontariat beim DDR-Fernsehen machte und mit 29 Jahren 1996 zur Gründungsfamilie des Kika zählte. Ein Lebemann mit Zweitwohnung in Berlin, der unter Kollegen von Kasinobesuchen schwärmt und vom Urlaub in Las Vegas. Im Dienst gilt er als fleißig und kleinlich, Mitarbeiter berichten von Dienstreiseanträgen, die er ablehnte, weil sie erst einen Tag vor der Reise gestellt wurden. Bei Honorarverhandlungen sei er unnachgiebig gewesen, habe häufig Abmahnungen verteilt. Möglicherweise hat er seine Macht ausgenutzt, um einen Untergebenen zum Gegenzeichnen der Rechnungen zu zwingen, die er selbst fingierte.

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