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Merkel-Porträt im ZDF : Die Stille vor der Wahl

Bleibt ein Rätsel: Angela Merkel Bild: dpa

„Das wahre Privileg der Kanzlerschaft liegt im Transport“: Nach dem Kandidaten Steinmeier porträtierte das ZDF am Dienstagabend auch die Regierende Angela Merkel. Der Film fiel so distanziert aus wie die Politikerin selbst.

          Sechs Wochen sind es noch bis zur Bundestagswahl - und man möchte nicht sagen, das Land liege im Wahlfieber. Die Parteien stecken Umfragen zufolge wie festgefroren bei ihren Prozentwerten fest, es scheint allein um die Frage zu gehen, ob es für eine schwarz-gelbe Regierung reicht oder bei der großen Koalition bleibt. Doch nicht einmal das sorgt für Zündstoff, von einer grundlegenden Wechselstimmung ist nichts zu spüren. Das nützt und schadet SPD und Union gleichermaßen und hemmt die FDP und die Grünen. Die Bundeskanzlerin hat sich - erstaunlich genug - einen Amtsbonus erwirtschaftet, der sich für ihre Partei jedoch nicht auszahlt. Kein Ruck geht durch die Republik, nicht nach links, nicht nach rechts. Die Wahlkämpfer konzentrieren sich auf die letzten beiden Wochen vor der Wahl, doch fragt man sich, was da noch kommen soll.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das sogenannte „Fernsehduell“ kommt, am 13. September, wie wir seit diesem Montag verbindlich wissen, und auch dessen Zuschnitt ist symptomatisch: Die Kanzlerin trifft auf ihren Stellvertreter, die große Koalition bleibt unter sich. Es ist eine Farce, worauf nicht nur der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle hinzuweisen nicht müde wird. Was wirklich zur Wahl steht, das werden wir an diesem zentimetergenau abgezirkelten Abend im Fernsehen nicht zu sehen bekommen.

          Die Krisenkanzlerin sagt: Keine Panik!

          Die Frau, die Kanzlerin bleiben will, bekamen wir am Dienstagabend im ZDF zu sehen. Doch viel zu sehen von ihr gab es auch in dem Porträt-Film „Kanzlerin Merkel“ von Michaela Kolster und Peter Frey nicht. Denn die Porträtierte entzog sich den letzten Fragen, am Ende wusste man nicht einmal, ob sie ihr gestellt worden sind. Wie selbstverständlich zogen die Stationen der vergangenen Jahre vorbei, der Klimagipfel in Heiligendamm, die vorsichtige Annäherung an den neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama, der Zoff und die Entente cordiale mit dem französischen Regierungschef Nicolas Sarkozy, ja sogar die welterschütternde Finanzkrise schien zum Durchlaufposten zu schrumpfen, den Angela Merkel mit der gewohnten Zurückhaltung bewältigte. Keine Panik, das war und ist ihre Botschaft, mit ihr kommen wir durch die Krise.

          Die kollektive Ohnmacht der Politik, die sich in der Krise großtat, dabei aber gar nicht weiß, ob die Krise bewältigt ist und wie kommende Generationen allein das Schuldenerbe dieser Tage abtragen sollen, schien in diesem Film nicht auf, das auch bildlich darzustellen war einem Film vorbehalten, wie wir ihn zuletzt mit „Retter in Not“ von Stephan Lamby im Ersten gesehen haben.

          Sogar für ihre Garderobe wird sie gelobt

          Im ZDF blieb es dagegen beim Business as usual. So distanziert Angela Merkel sich gibt, so distanziert fiel dieses Porträt aus. Geradezu rührend penetrant führten die Autoren aus, wie gut die Bundeskanzlerin mit den Medien umzugehen wisse, wie geschickt sie sich und ihr Privatleben abschotte, wie gezielt sie den Journalisten den einen oder anderen Zugang gewähre.

          Angela Merkel wird inzwischen sogar für ihre Garderobe gelobt. Es gipfelte in der von der Grünen-Politikerin Renate Künast getroffenen Feststellung, Angela Merkel sei die wahre Medienkanzlerin. Was Gerhard Schröder sich in seiner auftrumpfenden Art zu sein nur einbildete, soll sein Widerpart, der am Wahlabend vor vier Jahren fast geschlagen dastand, in Wahrheit sein - eine erstaunliche Erkenntnis. Im Verzicht auf alles Schaustellerische soll sich nun die wahre Showbegabung zeigen. Ob das trifft, werden wir am 27. September sehen.

          Der Ehemann riet zum Durchhalten

          Ein paar nette Einsichten am Rande lieferte der ZDF-Film aber doch. So soll es Joachim Sauer, der unsichtbare Ehemann von Angela Merkel, gewesen sein, der am Wahlabend 2005 zum Durchhalten riet, da sich Gerhard Schröder in der abendlichen Fernsehrunde in der Niederlage zum Sieger erklärte, der er nicht war. Peter Struck, der Vorsitzende der SPD-Fraktion, verriet, dass seine Partei anfangs tatsächlich glaubte, den Kanzlerinnenbonus - den es da ja noch gar nicht gab - konterkarieren zu können. Viel eher möchte man seiner Partei raten, zumindest näherungsweise den Eindruck zu vermitteln, sie traue ihrem eigenen Kandidaten etwas zu. Sechs Wochen vor der Wahl sollte man damit spätestens beginnen.

          Als wahrer Oppositionsführer - in der großen Koalition - erschien in diesem Film übrigens der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer. Und auch darin liegt etwas Wahres. Die anderen Landesfürsten der Union scheinen inzwischen ja dermaßen domestiziert, dass man von ihnen nur falsche Freundlichkeiten über die Kanzlerin erwartet. Bei dem freundlichen Machtmenschen Seehofer klangen die Komplimente wenigstens hintergründig und doppeldeutig. Er räumte sogar ein, dass Angela Merkel auch richtig laut werden könne.

          Mit einem Satz aus dem Off verrieten Michaela Kolster und Peter Frey - vielleicht ja auch nur unfreiwillig - ihre ironische Begabung. „Das wahre Privileg der Kanzlerschaft“, hieß es da, „liegt im Transport.“ Im Bild sahen wir Angela Merkel im Grenzschutzhubschrauber davonfliegen. Eine Dienstwagenaffäre in Spanien droht der Kanzlerin nicht. „Sie will bleiben, geschmeidig, zäh, kontrolliert. Und - wenn es sein muss - ganz still, im Kampf um die Macht“, hieß es zum Schluss. Die Stille vor der Wahl, sie hat uns erfasst, fragt sich nur, wie viele am 27. September überhaupt noch hingehen werden.

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