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Medieninszenierung : Rückschlag am Hindukusch

Teil einer Inszenierung, die im Quotenkampf nicht verfing: Johannes B. Kerner und Karl-Theodor zu Guttenberg Bild: Reuters

Was wollten Kerner und Guttenberg letzte Woche in Afghanistan? Nach eigenen Angaben: Aufmerksamkeit erobern. Das Quotendesaster enthüllt, was es mit der Popularität des Ministers auf sich hat.

          Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagte am Montag vergangener Woche in Kundus: „Ich tue das, was ich für richtig halte, um den Soldaten hier im Einsatz die Anerkennung und die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie verdienen.“ Er hatte es für richtig gehalten, den Fernsehmoderator Johannes B. Kerner an die Front in Afghanistan mitzunehmen. Kerner zeichnete im Lager eine Folge seiner Talkshow auf, die am Donnerstag bei Sat.1 gesendet wurde. In einem Interview mit der „Bild“-Zeitung, die mit einem Reporter vor Ort war und sich in ihrer umfangreichen Vorabberichterstattung vor allem der ebenfalls mitgereisten Ministergattin Stephanie zu Guttenberg widmete, berichtete Kerner, nach seinem Eindruck hätten sich die Soldaten über Minister und Ministertross gefreut. „Der Verteidigungsminister, so wirkt es auf mich, ist dort unten sehr beliebt. Gerade weil er für Aufmerksamkeit sorgt.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Den Gewinn, den die Akteure sich von ihrer Aktion versprachen, gaben der Minister und der Talkshowgastgeber in derselben Währung an. Es ging um Aufmerksamkeit. Kerner ging so weit, dieses Kalkül auch den Soldaten zu unterstellen, die er für die Aufzeichnung seiner Sendung als Staffage benötigte. Das Saalpublikum hatte man nicht auch noch eingeflogen.

          Mit freundlicher Unterstützung der „Bild“-Zeitung

          In der Welt der Medien und in der Welt der Politik wird Aufmerksamkeit gemessen. Die Firma Media-Control ermittelt die Zuschauerzahlen von jeder Folge von „Kerner“. Mit „Kerner spezial“ am 16. Dezember erreichte Johannes B. Kerner eine Einschaltquote von 7,2 Prozent. Von hundert Fernsehern in Deutschland, die um 23 Uhr 23 eingeschaltet waren, zeigten also sieben Guttenberg und Kerner in Masar-i-Sharif. Die absolute Zuschauerzahl betrug 1,01 Millionen. Bei Harald Schmidt sahen gleichzeitig 1,36 Millionen zu, bei Maybrit Illner 1,67 Millionen. Von den sieben Kerner-Sendungen seit dem 30. September hatte die Guttenberg-Show die zweitniedrigste Quote. Bei den absoluten Zahlen liegt sie im unteren Mittelfeld. Gegenüber der Vorwoche ging die Zuschauerzahl um 230 000 zurück. Die Sendung vom 9. Dezember hatte allerdings siebzig Minuten früher begonnen.

          Landestypisch mit Mohnbrötchen: Stephanie zu Guttenberg beim Mittagstisch mit deutscher Soldatin

          Der späte Sendetermin genügt nicht, um die vergleichsweise niedrigen Zahlen der Sonderausgabe zu erklären. Die Spitzenwerte (1,39 Millionen, 11,5 Prozent) erzielte Kerner am 11. November, als er um sieben Minuten nach elf begann. Damals waren seine Gäste der Schauspieler Götz Otto, der zum Eiskunstlauf wechselnde Fußballer Ilhan Mansiz (Hertha BSC, Saison 2004/05) und dessen Freundin Olga Bestandigova sowie Gunther Fleischer, Leiter der Bibel- und Liturgieschule des Erzbistums Köln - im Alphabet der Prominenz also bestenfalls D-Klasse, während die Guttenbergs in der A-Liga spielen. Um die Zahlen zu gewichten, muss man die Werbekampagne berücksichtigen, die mit freundlicher Unterstützung der „Bild“-Zeitung (verkaufte Auflage: 3 098 254 Exemplare) entfesselt wurde. Auch das verheerende Echo aus dem politischen Berlin hätte das Interesse steigern müssen.

          Die Leute freuen sich, wenn er bei Gottschalk auf dem Sofa auftaucht

          Kerner verlegte sich in der Mittwochs-„Bild“ auf die Sarrazin-Verteidigung: Die Kritiker hätten die Show ja noch nicht sehen können. „Da möge sich also jeder sein eigenes Bild machen - nach der Sendung.“ Beziehungsweise von der Sendung. Diese wollte dann aber kaum jemand schauen, der nicht auch sonst bei Kerner hängenbleibt. Nicht nur Unterhaltungskünstler und Journalisten haben daran mitgewirkt, dass den Freiherrn zu Guttenberg die Aura eines Heilsbringers umleuchtet. Unter seinesgleichen traut man ihm zu, der deutsche Churchill werden zu können, der dem Volk bittere Wahrheiten beibringt.

          Die Kerner-Spezialexpedition lässt sich als ein Experiment der Aufmerksamkeitsökonomie betrachten, das uns über das Wesen der Popularität des Verteidigungsministers aufgeklärt hat. Die Leute freuen sich, wenn er bei Gottschalk auf dem Sofa auftaucht. Mit ihm kommt Glanz in die vollverkabelte Hütte. Aber ein Helmut Schmidt, bei dem man sich ein welthistorisches Kolleg mit eingestreuten Reminiszenzen an den Schlamm der Ostfront anhören würde, ist er nicht.

          Warum ist das Interesse am Afghanistaneinsatz eher gering?

          Das Bündnis mit den Boulevardmedien sei legitim, ja, geboten, hatten Guttenbergs Leute verkündet: Es sprenge den Kordon der politischen Routineberichterstattung und erschließe der deutschen Mission in Afghanistan eine ganz neue Öffentlichkeit. Ein kühner Griff war diese strategische Operation; nach ihren eigenen Prämissen ist sie kläglich gescheitert.

          Die Prämisse des Aufmerksamkeitsdefizits der Heimatfront war allerdings von vornherein dubios. Kerner wies eine von seinem Sender veranstaltete Umfrage vor, wonach 71 Prozent der Deutschen für einen sofortigen Abzug seien. Doch die Leute, die diese Antwort gegeben haben, sind deswegen weder notwendig desinteressiert noch schlecht informiert. Warum ist das Interesse am Afghanistaneinsatz eher gering? Weil dieses Interesse überhaupt nicht im Interesse der Politiker liegt. Sie haben es vermieden, den Einsatz zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung zu machen, weil sie wussten, dass sie einen Krieg ohne realistisches Kriegsziel, der nur aus Bündnisräson geführt wird, der Öffentlichkeit nicht würden verkaufen können.

          Die Soldaten mussten die Claqueure geben

          Kritikern wie der früheren Bischöfin Margot Käßmann wird von Politikerseite infamerweise vorgeworfen, sie fielen den Soldaten in den Rücken. Diese neue Dolchstoßlegende suggeriert, es gehe nicht um die Sache, sondern um die Menschen, obwohl die Sache es rechtfertigen muss, dass Menschen fallen. Aus Not hatte sich die Politik beim Thema Afghanistan lange vor Kerners Mission der Logik des Boulevards unterworfen.

          Gleichwohl markiert es einen Tiefpunkt, dass das Verteidigungsministerium an einem Propagandaunternehmen mitgewirkt hat, in dem, als die Begeisterung in der Heimat ausblieb, die Soldaten die Claqueure geben mussten. Unter der Überschrift „Wir finden die gutt!“ präsentierte die „Bild“-Zeitung elf Jubler vom Stabsgefreiten bis zum Major. Wer lässt sich weismachen, dass der Soldat, der der Meinung ist, der Minister hätte seine Gattin lieber bei den Kindern lassen sollen, das dem „Bild“-Reporter erzählt hätte?

          Wer könnte sich diese „Bemutterung“ verbitten?

          Im neunten Kapitel des Romans „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque wird ein Frontbesuch Wilhelms II. geschildert. Der Theaterkritiker Georg Hensel erzählte gerne, den Soldaten von Hitlers Wehrmacht sei anhand der despektierlichen Kommentare über den visitierenden Kaiser der zersetzende Charakter des Buches demonstriert worden. Dabei fällt der Realismus dieser Stelle ins Auge. „Endlich ist der Augenblick da. Wir stehen stramm, und der Kaiser erscheint. Wir sind neugierig, wie er aussehen mag. Er schreitet die Front entlang, und ich bin eigentlich etwas enttäuscht: Nach den Bildern hatte ich ihn mir größer und mächtiger vorgestellt, vor allen Dingen mit einer donnernderen Stimme.“

          Es gibt immer noch viele Deutsche, die meinen, dass Frauen sich den Dienst bei der Bundeswehr nicht zumuten dürften. Solchen Stimmungen leistet die Ministergattin Vorschub, wenn sie in der Feldkantine die weiblichen Freiwilligen um sich sammelt, um sich von Frau zu Frau mit ihnen auszutauschen. Aber welche Soldatin könnte sich diese Bemutterung durch „die mutigste Baronin Deutschlands“ („Bild“) verbitten?

          Kerner, der perfekte Profi, hat seine Worte gegenüber „Bild“ sehr genau gewählt: Er hatte den Eindruck, dass die Soldaten sich gefreut hätten; so habe die Sache auf ihn gewirkt. Vorsorglich deutete Kerner also an, in einer Medieninszenierung mitgewirkt zu haben, bei der auch er, der Stellvertreter des Publikums, zu den Adressaten gehörte. Hauptgefreiter Michael Anderegg sagte laut „Bild“: „Der Minister hat es nicht nötig, sich medienwirksam zu inszenieren.“ Der Mann hat eine steile Karriere vor sich.

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