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Medieninszenierung : Rückschlag am Hindukusch

Warum ist das Interesse am Afghanistaneinsatz eher gering?

Das Bündnis mit den Boulevardmedien sei legitim, ja, geboten, hatten Guttenbergs Leute verkündet: Es sprenge den Kordon der politischen Routineberichterstattung und erschließe der deutschen Mission in Afghanistan eine ganz neue Öffentlichkeit. Ein kühner Griff war diese strategische Operation; nach ihren eigenen Prämissen ist sie kläglich gescheitert.

Die Prämisse des Aufmerksamkeitsdefizits der Heimatfront war allerdings von vornherein dubios. Kerner wies eine von seinem Sender veranstaltete Umfrage vor, wonach 71 Prozent der Deutschen für einen sofortigen Abzug seien. Doch die Leute, die diese Antwort gegeben haben, sind deswegen weder notwendig desinteressiert noch schlecht informiert. Warum ist das Interesse am Afghanistaneinsatz eher gering? Weil dieses Interesse überhaupt nicht im Interesse der Politiker liegt. Sie haben es vermieden, den Einsatz zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung zu machen, weil sie wussten, dass sie einen Krieg ohne realistisches Kriegsziel, der nur aus Bündnisräson geführt wird, der Öffentlichkeit nicht würden verkaufen können.

Die Soldaten mussten die Claqueure geben

Kritikern wie der früheren Bischöfin Margot Käßmann wird von Politikerseite infamerweise vorgeworfen, sie fielen den Soldaten in den Rücken. Diese neue Dolchstoßlegende suggeriert, es gehe nicht um die Sache, sondern um die Menschen, obwohl die Sache es rechtfertigen muss, dass Menschen fallen. Aus Not hatte sich die Politik beim Thema Afghanistan lange vor Kerners Mission der Logik des Boulevards unterworfen.

Gleichwohl markiert es einen Tiefpunkt, dass das Verteidigungsministerium an einem Propagandaunternehmen mitgewirkt hat, in dem, als die Begeisterung in der Heimat ausblieb, die Soldaten die Claqueure geben mussten. Unter der Überschrift „Wir finden die gutt!“ präsentierte die „Bild“-Zeitung elf Jubler vom Stabsgefreiten bis zum Major. Wer lässt sich weismachen, dass der Soldat, der der Meinung ist, der Minister hätte seine Gattin lieber bei den Kindern lassen sollen, das dem „Bild“-Reporter erzählt hätte?

Wer könnte sich diese „Bemutterung“ verbitten?

Im neunten Kapitel des Romans „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque wird ein Frontbesuch Wilhelms II. geschildert. Der Theaterkritiker Georg Hensel erzählte gerne, den Soldaten von Hitlers Wehrmacht sei anhand der despektierlichen Kommentare über den visitierenden Kaiser der zersetzende Charakter des Buches demonstriert worden. Dabei fällt der Realismus dieser Stelle ins Auge. „Endlich ist der Augenblick da. Wir stehen stramm, und der Kaiser erscheint. Wir sind neugierig, wie er aussehen mag. Er schreitet die Front entlang, und ich bin eigentlich etwas enttäuscht: Nach den Bildern hatte ich ihn mir größer und mächtiger vorgestellt, vor allen Dingen mit einer donnernderen Stimme.“

Es gibt immer noch viele Deutsche, die meinen, dass Frauen sich den Dienst bei der Bundeswehr nicht zumuten dürften. Solchen Stimmungen leistet die Ministergattin Vorschub, wenn sie in der Feldkantine die weiblichen Freiwilligen um sich sammelt, um sich von Frau zu Frau mit ihnen auszutauschen. Aber welche Soldatin könnte sich diese Bemutterung durch „die mutigste Baronin Deutschlands“ („Bild“) verbitten?

Kerner, der perfekte Profi, hat seine Worte gegenüber „Bild“ sehr genau gewählt: Er hatte den Eindruck, dass die Soldaten sich gefreut hätten; so habe die Sache auf ihn gewirkt. Vorsorglich deutete Kerner also an, in einer Medieninszenierung mitgewirkt zu haben, bei der auch er, der Stellvertreter des Publikums, zu den Adressaten gehörte. Hauptgefreiter Michael Anderegg sagte laut „Bild“: „Der Minister hat es nicht nötig, sich medienwirksam zu inszenieren.“ Der Mann hat eine steile Karriere vor sich.

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