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MDR-“Tatort“ aus Leipzig : Folgt der Spur der Scheine

Wenn jede Hilfe zu spät kommt: Matthias Brandt als Christian Peintner und Paul Zerbst als dessen schwerverletzter Sohn Emil im MDR-Tatort „Absturz”. Bild: ddp/MDR/STeffen Jnnghans

Wie weiterleben? In ihrer früheren Beziehung hatten die „Tatort“-Kommissare Saaleld und Keppler den Verlust eines gemeinsamen Kindes zu verkraften. Jetzt holt sie mit dem Unfall bei einer Flugschau die Vergangenheit wieder ein.

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          Der Mann kehrt um, stemmt sich gegen den Strom der flüchtenden Schulklassen, ahnt, dass ihn dort vorne am Rande des Flugfeldes, wo die Rauchsäule aufsteigt, das Ende seines bisherigen Lebens erwartet. Die Zeit steht für schmerzhaft lange Wimpernschläge still, die Kamera überdehnt die Sekunden zu Minuten, um dann doch nicht zu zeigen, was geschehen ist: Ein altes einmotoriges Löschflugzeug konnte nicht abheben, es ist in die Zuschauer gerast, hat eine Hüpfburg zerfetzt und dabei Emil schwer verletzt. Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla) trifft zusammen mit ihrem Neffen verspätet am Ort des Geschehens ein, sie hat verschlafen, die versprochene Flugschau nicht pünktlich erreicht. Hat Regisseur Torsten C. Fischer darauf verzichtet, den Unfall zu zeigen, genehmigt er sich nun für dessen blutige Konsequenzen übergebührliche Ausführlichkeit, bleibt im Krankenwagen nah dabei, um das Verbluten des Kindes zu inszenieren.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Nach dieser Herzschlagouvertüre beginnt der Ermittlungsalltag, und diese Routine tut dem MDR-Tatort „Absturz“ richtig gut. Saalfeld ist im Schockzustand, der tote Emil war der beste Freund ihres Neffen. Sie glaubt von Anfang an nicht an einen Unfall - Berufskrankheit. Also ermittelt sie wegen fahrlässiger Tötung. Kollege Keppler (Martin Wuttke) sieht das nicht so und räumt trotzdem unter den Schaulustigen und Tatverdächtigen auf. Hat der Pilot Arendt (Jan Henrik Stahlberg) versagt, war es ein Materialfehler oder ein Fehler des Fluglotsen?

          Ein Waschbecken für ein totes Kind?

          Der Flugunternehmer Conze jedenfalls war gegen die Vorschrift allein im Tower, und das Funkgerät war viel zu leise eingestellt. Arendts haben selbst einen kleinen Sohn, sind gerade dabei, das Familiennest zu renovieren, alles in Handarbeit. Das Honorar der Flugschau sei fürs Badezimmer vorgesehen gewesen, klagt die Pilotengattin bitter, „ein Waschbecken für ein totes Kind“. In der Klinik bewirft Christian Peintner, der Vater des toten Kindes, den ebenfalls dort behandelten Piloten mit einem Blutbeutel. Er tut dies stumm, so wie überhaupt Teile des Films wortkarg und ohne Klangteppich auskommen.

          Eingeholt von Erinnerungen: Simone Thomalla als Hauptkommissarin Eva Saalfeld und Martin Wuttke als Hauptkommissar Andreas Keppler im ARD-Tatort „Absturz”
          Eingeholt von Erinnerungen: Simone Thomalla als Hauptkommissarin Eva Saalfeld und Martin Wuttke als Hauptkommissar Andreas Keppler im ARD-Tatort „Absturz” : Bild: ddp/ MDR/Steffen Junghans

          Am nächsten Tag ist Conzes Büro verwüstet, er selbst verschwunden. Es stellt sich heraus, dass Conze vergeblich versucht hat, sich Rückendeckung bei der Flugsicherheit zu beschaffen. Dann liegt Conze tot in der Baustelle für den City-Tunnel, vorbereitet zur Einbetonierung - unser wilder Osten. Der Mann, von dem er sich Hilfe erhofft hatte, war sein Schwager. Eine unheilvoll verstrickte Familie sind diese Conzes; der Schwiegervater sitzt als Relikt aus DDR-Zeiten im Hangar des Flugplatzes und wartet, was noch zu warten ist; die magersüchtige Schwester steht in krassem Gegensatz zu ihrem fettleibigen Bruder, der gerade sein Büro räumt, um die Karriereleiter Richtung Berlin zu erklimmen.

          Nee, für mich war's das noch lange nicht!

          Was als Familienbandentragödie beginnt, nimmt im Drehbuch von André Georgi eine clevere Wendung ins Fach Wirtschaftskriminalität. So durchdringen sich die Ebenen: Die Stimme des Blutes, die Spur der Scheine, das Reizklima im Tandem der Ermittler, die ein Paar waren und jetzt ein Team sein müssen. Hier besticht im siebten gemeinsamen Fall Martin Wuttke: Seine Mischung aus kalter Professionalität, latenter Wut und angeknackstem Machismo sichert ihm im „Tatort“-Reich derzeit eine „bad-cop“-Sonderstellung. Wenn er auf die Frage „War's das?“ kontert: "Nee, für mich war's das noch lange nicht", weiß man, jetzt wird es ernst.

          Diese Kälte bekommt auch Peintner zu spüren, der späte Vater, dem die Frau davongelaufen ist: als Architekt erfolgreich, hat er im Innersten seines Wesens nur noch eine Nabelschnur in die Gegenwart - den Sohn, den er über alles liebt, es aber vermutlich nicht immer zeigen konnte. Die Darstellung dieses zernichteten Vaters, die Matthias Brandt hier gelingt, übersteigt die Üblichkeiten des Genres.

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