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MDR-Skandal : Große Geschenke erhalten die Geschäftsbeziehung

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, große erhalten Geschäftsbeziehungen. Ob der ehemalige Unterhaltungschef Udo Foht nach dem Prinzip handelte? Bild: dpa

Kick-Back heißt das Zauberwort: Die krummen Geldgeschäfte des MDR-Unterhaltungschefs Udo Foht werfen viele Fragen auf. Die Feiern zum zwanzigjährigen Bestehen des MDR wurden schon abgesagt.

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          Es ist schade, dass Helmut Dietl in den Hintergrund getreten ist. Zwar arbeitet er mit Benjamin Stuckrad-Barre zurzeit an einem Film, der von der Gesellschaft in Berlin-Mitte handeln soll. Doch liegt im Augenblick ein Stoff auf der Straße wie gemacht für den Schöpfer der legendären Fernsehserie „Kir Royal“: ein Stoff für ein Sittenbild. Diesmal ginge es nicht um einen Münchner Klatschreporter namens Baby Schimmerlos und dessen Eskapaden, sondern um den Unterhaltungschef eines Fernsehsenders im Osten, der solange Geld von der einen in die andere Tasche schiebt, bis man nicht mehr weiß, wo es gelandet ist. Man weiß nur, wo es nicht ist.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Um zwanzigtausend Euro hat Udo Foht, der Unterhaltungschef des MDR, eine Produktionsfirma angepumpt, angeblich um einer anderen, die etwas „klamm“ war, zu helfen. Um mehr als 30 000 Euro ist er einen mit ihm bekannten Medienmanager angegangen, 180 000 Euro hat er einem bekannten Produzenten abgerungen, angeblich um eine Firma auszulösen, die in seinem Auftrag zu Kosten von 350 000 Euro einen Sendung vorbereitet hatte, die dann von einer anderen erstellt werden sollte. Eine wiederum andere Firma fordert vom Sender inzwischen angeblich eine Million Euro für einen ähnlichen Fall mutmaßlicher Betrügerei. Die in Rede stehende Summe sei weit geringer, heißt es beim Sender, wo man sich jedoch bis auf weiteres nicht mehr äußern will, weil die Staatsanwaltschaft ermittelt und man deren Arbeit nicht behindern will.

          Beim MDR liefen die Dinge schon immer etwas anders

          Am 27. Juli hatte der MDR seinen Unterhaltungschef stante pede suspendiert. Er soll wie vom Donner gerührt und regelrecht zusammengebrochen sein. Er habe für Schreiben zu außerdienstlichen Zwecken den Briefkopf des Senders verwendet, hieß es in den ersten Stunden. Doch dann kam das erste Darlehen ans Licht, dann das zweite, dritte und vierte. Da werde noch einiges aufgeworfen, heißt es inoffiziell, und es werde vielleicht noch andere erwischen. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, große erhalten Geschäftsbeziehungen. Ob der Unterhaltungschef nach dem Prinzip handelte? In der Produzentenszene ist notorisch von sogenannten Kick-Back-Geschäften die Rede, bei der auf der einen Seite offizielle Aufträge, auf der anderen inoffizielle Gefälligkeiten stehen. Und beim MDR liefen die Dinge schon immer etwas anders als bei anderen: Mit einer Anschubfinanzierung von knapp einer Viertelmilliarde Euro wurde der Sender aufgebaut, doch kam eine glatte halbe Milliarde durch Finanzgeschäfte hinzu, die eigentlich verboten waren. Erst als ein ganz kleines Investment schief ging und weniger als fünf Millionen Euro angesparter Gebührengelder verloren waren, kam die Sache ans Licht.

          Die Feiern zum zwanzigjährigen Bestehen des MDR hat Intendant Reiter in diesem Sommer schon abgesagt
          Die Feiern zum zwanzigjährigen Bestehen des MDR hat Intendant Reiter in diesem Sommer schon abgesagt : Bild: dapd

          Und erst als ein Produzent sich selbst offenbarte, wurde ruchbar, dass Marco K., der einstige Herstellungsleiter des Kinderkanals Kika, den der MDR betreut, jahrelang Leistungen abgerechnet hatte, die es nicht gab, mit einem Schaden von 8,2 Millionen Euro. Fast schon vergessen ist der Fall des ehemaligen MDR-Sportchefs Wilfried Mohren, der in einem Schmiergeldsystem wirkte, an dessen Spitze der sportliche Leiter des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig stand. Im Fall Foht kommt eine alte Stasi-Belastung hinzu, zu DDR-Zeiten wurde er als IM „Karsten Weiß“ geführt.

          Um den Intendanten Udo Reiter wurde es im Laufe der Jahre immer einsamer

          Ein Sittenbild, könnte man meinen, ein öffentlich-rechtliches zumal, das Zerrbild eines Senders. Und doch ist das nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen stehen nicht nur die guten Quoten des MDR-Programms und der Rückhalt, den der Sender bei den Zuschauern genießt. Dort steht auch die grandiose Leistung einer Pioniertruppe, die diesen Sender auf den Ruinen des untergegangenen DDR-Funks errichtete, mit dem Intendanten Udo Reiter an der Spitze, um den es im Laufe der Jahre immer einsamer wurde. Jeder Skandal kostete auch Leute den Kopf, die sich nicht selbst etwas zu Schulden kommen ließen, aber von denen man erwartete, dass sie aufmerkten. Das aber sagt sich sehr leicht. Eine interne Ermittlertruppe wie die, die nun den MDR umpflügt, angeführt von dem ehemaligen Leiter des LKA Mecklenburg-Vorpommern, Ingmar Weitemeier, würde sicher auch anderorts fündig. Und der Intendant hätte sich längst selbst aus dem Rennen nehmen können.

          Als Udo Reiter sich 2008 mit dem Erreichen der Pensionsgrenze zum vierten Mal ins Amt wählen ließ, tat er dies nur, weil ihn viele dazu drängten. Sämtliche Stürme hatte er bestanden, die Skandale und die wiederholten Stasi-Überprüfungen, die seine Mannschaft dezimierten. Jetzt fordert die Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt als Rechtsaufsicht mehr Aufklärung von ihm. Er wird sie in den letzten Tagen seiner Amtszeit leisten müssen, damit sich sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin nicht damit herumschlagen muss. Die Feiern zum zwanzigjährigen Bestehen des MDR hat Reiter in diesem Sommer schon abgesagt. Auch bei „Kir Royal“, der Serie, steckte in der Groteske die Tragödie. Doch wurde in München wenigstens gefeiert. In Leipzig machen nur Staatsanwälte ein Fass auf.

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