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Massenvergewaltigung : Die Frau als Kriegsbeute

Angsterfüllte Existenz in den Ruinen: Nina Hoss als Anonyma in der Verfilmung von Regisseur Max Färberböck Bild: dpa

Zwei Jahre, nachdem er im Kino war, zeigt das ZDF den Zweiteiler „Eine Frau in Berlin - Anonyma“. Der Film, der die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen im Krieg zum Thema hat, ist kein Vergnügen, aber sehenswert.

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          Dieses Mal, in der Tat, ist das Medium selbst die wichtigste Botschaft. Zur besten Sendezeit strahlt das ZDF am Montag und Mittwoch der kommenden Woche einen Spielfilm aus, der einem Millionenpublikum, darunter gewiss auch Kinder von zehn, elf, zwölf Jahren, das länger als alle anderen verborgene, aber keineswegs nur deshalb „intimste aller Kriegsverbrechen“ (Evelyn Finger) zeigt: die Massenvergewaltigung deutscher Frauen und Mädchen durch russische Soldaten vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Geschätzte zwei Millionen Opfer hinterließen die amtlich dann als „Zwangsverkehr“ geführten Übergriffe und Schändungen. Max Färberböcks Spielfilm „Eine Frau in Berlin - Anonyma“ setzt sie im Verlauf seiner nahezu drei Stunden wohl ein Dutzend Mal in Szene oder deutet sie zumindest an.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das ebenfalls vom Regisseur stammende Drehbuch fußt auf den Tagebuchnotizen einer damals etwa dreißigjährigen Journalistin, deren Name postum bekannt wurde, die ihn Zeit ihres Lebens aber selbst nie preisgegeben hat. Hierzulande erschienen die Aufzeichnungen dieser „Anonyma“, die vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 datieren, erstmals 1959. Sie wurden entweder ignoriert - auch in dieser Zeitung erschien keine Besprechung - oder vom Boulevard als „Schande für die deutsche Frau“ denunziert.

          Die Kinofassung war ein Flop an der Kasse

          Erst die Neuausgabe im Jahr 2003 erfuhr dann große Beachtung. Darüber hinaus ist im vergangenen Jahrzehnt manch wissenschaftliches Werk zu diesem Thema entstanden. 2008 hat Färberböck eine gegenüber der jetzigen Fassung um eine Stunde verkürzte Verfilmung in die Kinos gebracht. Sie wurde von der hiesigen Kritik fast ausnahmslos verrissen und geriet an den Kassen mit offenbar nicht einmal zweihunderttausend Besuchern zu einem veritablen Flop.

          Die Niederlage der Männer als Geschlecht: Schauspieler Jewgeni Sidikhin (links) und Nina Hoss
          Die Niederlage der Männer als Geschlecht: Schauspieler Jewgeni Sidikhin (links) und Nina Hoss : Bild: dpa

          Die letzte Chance des Films ist somit nun die Ausstrahlung im mitproduzierenden ZDF. Dass sie zu einem Quotenerfolg wird, hätte er verdient. Mag ja sein, dass „Eine Frau in Berlin“ unter rein cineastischen Aspekten nicht an der Spitze der Avantgarde rangiert. Aber die fast ausschließlich ästhetisch argumentierende und ob der Koproduktion von (naturgemäß hehrem) Kino und (selbstredend unfeinen) Fernsehen pikiert die Nase rümpfende Kritik hat die tatsächlichen Qualitäten des Films zu gering geachtet oder gleich ganz übersehen.

          Von der eigenen Propaganda angespornt

          Die Qualitäten sind: ein angemessen textnaher, gleichwohl souveräner Umgang mit dem Werk der „Anonyma“, eine bis in die Nebenrollen hinein schauspielerisch überzeugende Darstellerriege, schließlich ein realistischer, also schonungsloser, bisweilen schockierender, aber eben auch zeitgeschichtlich konkreter, deshalb gerechter Umgang mit dem eigentlichen Thema. Es lautet: die Frau als Kriegsbeute - damit, in den Worten der Tagebuchautorin selbst, aber zugleich auch: „die Niederlage der Männer als Geschlecht.“

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