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Martin Scorseses Fernsehserie „Boardwalk Empire“ : Mitleid mit dem Alkoholbaron

  • -Aktualisiert am

Erfolgreich startete der amerikanische Fernsehsender HBO die neue Serie „Boardwalk Empire“. Martin Scorsese führt Regie in diesem Epos der Prohibition, das die Geburtsstunde der organisierten Kriminalität einläutete. Sieben Millionen Amerikaner schalteten ein.

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          Martin Scorsese hat das Fernsehen entdeckt. Mit „Boardwalk Empire“ hat der siebenundsechzigjährige Regisseur für HBO eine Serie über die Prohibitionsära in Amerika produziert, die Jahre zwischen 1920 und 1933, als das Alkoholverbot die Geburtsstunde der organisierten Kriminalität einläutete.

          Das Stück startete am 19. September im amerikanischen Bezahlfernsehen mit über sieben Millionen Zuschauern – beeindruckend genug, dass der Sender die Serie umgehend um eine zweite Staffel verlängerte.

          Es ist ein Stück über „die dunkle Seite des amerikanischen Traums“, wie Scorsese sagt, und es folgt damit in den Spuren von „Deadwood“, jenem Western aus der Feder von David Milch, der die amerikanische Frontier als Ort nackter Profitgier zeichnete und die düsteren Facetten des amerikanischen Gründungsmythos freilegte. Blaupause für „Boardwalk Empire“ war Nelson Johnsons gleichnamiger Geschichtsabriss von 2002, der im Detail dem Aufstieg von Atlantic City, New Jersey, vom vornehmen Seebad zum Schmelztiegel von organisierter Kriminalität und politischer Korruption nachgeht.

          Nach den „Sopranos” nun auch für „Boardwalk Empire” im Schreibdienst: Drehbuchautor Terence Winter
          Nach den „Sopranos” nun auch für „Boardwalk Empire” im Schreibdienst: Drehbuchautor Terence Winter : Bild: REUTERS

          Der Erste Weltkrieg ist vorbei

          Der Drehbuchautor Terence Winter, der bereits den Mafiabossen der „Sopranos“ alltägliche Kümmernisse und menschliche Nöte auf den Leib schrieb, schuf hier gemeinsam mit Scorsese eine Art Vorgeschichte zu den „Sopranos“. „Sie handelten vom Ende der organisierten Kriminalität“, sagt Winter, „,Boardwalk Empire‘ dreht sich um ihren Beginn.“ Die Serie setzt Ende 1919 an. Der Erste Weltkrieg ist vorbei, Aufbruchstimmung mischt sich mit perverser Lust an Anomalien – Liliputaner-Boxkämpfe und die Zurschaustellung von Frühgeborenen schmücken die titelgebende Seepromenade. Als der Volstead Act die Prohibition mit dem Verbot alkoholischer Getränke wirksam macht, erblüht in den Casinos rund um das Seebad ein enorm profitables Geschäft mit dem verbotenen Stoff, das seine Protagonisten zu den politisch einflussreichsten Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten macht.

          Eigentlich hatte sich Winter statt in die Zwanziger zunächst in eine andere, in Johnsons Buch beschriebene Ära von Atlantic City vertieft – die 1950er. „Es gab da einen Typ namens Skinny D’Amato“, sagt Winter, „ein einflussreicher Nachtclubbesitzer, der Jerry Lewis und Dean Martin einander vorstellte und mit Frank Sinatra auf Du war.“ Doch der wirkte ein bisschen zu sehr wie Tony Sopranos Vater – man war ja bereits aufs Neue in der Gangsterwelt von New Jersey. „Die Zwanziger dagegen waren zeitlich weit genug entfernt, um eine ganz andere Welt entwerfen zu können.“ Statt um Tony Soprano oder Skinny D’Amato entwickelte Winter seine Saga also um den legendären Alkoholbaron Enoch „Nucky“ Johnson.

          Johnson, in der Serie Nucky Thompson genannt, hatte seine Macht in Atlantic City am Ende der zwanziger Jahre so weit ausgebaut, dass die mächtigsten Mafiabosse aus allen Landesteilen zu einer Konvention zusammenkamen, um ihre politischen Beziehungen zu befrieden und die kriminellen Geschäfte für die sich abzeichnende Post-Prohibitionsära zu planen.

          Seine Güte ist allseits beliebt

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