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„Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis“ bei Sat.1 : Herzlichst, Dein Christian Wulff

Um ihn sollte es eigentlich gehen: Vladimir Burlakov überzeugt als Marco W. Bild:

Sat.1 will die Geschichte des Deutschen Marco. W, der 247 Tage lang in türkischer Untersuchungshaft saß, mit Veronica Ferres emotional auffrisieren. Doch was hat Bundespräsident Wulff dabei im Drehbuch zu suchen?

          Spannende Gerichtsfilme zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass man nicht weiß, wie sie enden. Nur, wenn sie anregend verwickelt sind, wie etwa „Zeugin der Anklage“, kann man sie auch mehrmals anschauen. Ein Film über einen bekannten Justizfall aber hat es in dieser Hinsicht schwer - so wie der „Fall Marco W.“, der von größter Medienaufmerksamkeit begleitete Prozess gegen den damals siebzehn Jahre alten Deutschen Marco Weiss. Ein dreizehn Jahre altes englisches Mädchen hatte ihn während eines Türkeiurlaubs des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. W. saß daraufhin 247 Tage lang in türkischer Untersuchungshaft.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Da ein Spannungsbogen bei der Bekanntheit des Falls also nicht ernsthaft in Frage kam, hat Sat.1 getan, was naheliegend, aber nicht übermäßig seriös ist: einen gefühlvollen Fernsehfilm (Regie: Oliver Dommenget) gedreht, nach dem Erinnerungsbuch von Marco Weiss, das natürlich nur seine Version der Vorgänge wiedergibt. Der Fall ist bis heute nicht abgeschlossen. Der kritische Zuschauer wird also empfindlich auf alles reagieren, was einen manipulativen Eindruck erweckt - und daran scheitert „Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis“ im Endeffekt.

          Ferres als Mutter Courage

          Wenig verwunderlich ist hingegen, dass wir in dem Film auf Veronica Ferres treffen, gilt die Schauspielerin doch für viele Sender gerade in emotionalen Mutterrollen als Quotengarantin erster Güte. Dramaturgisch gesehen, ist dieses Kalkül für den Film aber fatal. Denn die Rolle der Mutter wird Veronica Ferres zuliebe derart aufgeblasen, dass sie von dem jungen Marco und seinem Schicksal ablenkt und das emotionale Zentrum des Films verschiebt. Typisch auch die Werbeplakate für den Fernsehfilm, auf denen Veronica Ferres den hinter Gittern befindlichen Marco-Darsteller teilweise verdeckt.

          Mutter Courage der Nation: Veronica Ferres mit Herbert Knaup als engagiertes Elternpaar

          Außerdem muss man, bei allem Respekt vor dieser Mutter, die Veronica Ferres in vielen gefühlvollen Momenten unter Tränen und mit wechselnder Frisur zeigt, sagen, dass sie für eine echte Identifikationsfigur zu viele Entscheidungen trifft, die dem Sohn das Leben erschweren. Zwar ist es Martina W., die den schmierigen Medienberater der Familie endlich rausschmeißt, und ihr kommt die zündende Idee, einen großen türkischen Tourismusunternehmer an höchster türkischer Stelle intervenieren zu lassen. Allerdings bleibt der Film eine überzeugende Begründung dafür schuldig, warum sie sich auf den unfähigen Medienberater überhaupt eingelassen hat und warum sie es ist, die nach der Anklage gegen den Sohn statt ihres schwerkranken Mannes nach Deutschland zurückkehrt. Nicht, dass eine Mutter keine falschen Entscheidungen treffen dürfte, aber dann muss man sie auch nicht wie die Mutter Courage der Nation darstellen.

          Von Emotionen fortgeschwemmt

          Sat.1 wollte einen emotionalen Film über den Fall Marco W. drehen und ist dabei dem Irrtum aufgesessen, dass eine emotionale Veronica Ferres für diesen Eindruck schon sorgen werde. Es geschieht aber das Gegenteil: Ihre Reaktionen sind derart vorhersehbar, die Tränen so raumgreifend, dass sie das scheinbar ausweglose Schicksal ihres Sohnes fast wegzuschwemmen drohen. Als mache die Mutter mehr durch als der Junge, der seine Nöte aber gegenüber den Eltern zum Großteil verschweigt.

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