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„Mankells Wallander“ in der ARD : Wer küsst, schreibt keine Protokolle

Gerade schwamm er noch im Meer, jetzt ist Kommissar Wallander (Krister Henriksson) am Strand im Einsatz: Szene aus „Das Gespenst” Bild: ARD Degeto/Yellow Bird/Jallo Fab

Zarte Gefühle, grobe Schnitzer und eine Weltmarke in Gefahr: Zu Ostern bringt die ARD vier neue Fälle mit dem Kommissar aus dem südschwedischen Ystad. Sie sind Teil der Serie „Mankells Wallander“, die in der Gefahr steht, nur noch Massenware zu liefern.

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          Große Produktmarken können sich auch auf das Herstellen von Massenware einlassen, ohne darüber gleich ihren Ruf aufs Spiel zu setzen. Bisweilen hat die Massenware - und eben deren Qualität - die Marke ja auch erst groß gemacht. Gemeinsam und seit nunmehr zwei Jahrzehnten eine Marke von Weltrang bilden der 1948 geborene Autor Henning Mankell und sein gleichaltriger Kommissar Kurt Wallander.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          In neun Romanen und einem Erzählband haben sie ihren Kosmos, das südschwedische Ystad, Mal für Mal durchmessen und dabei angesichts von nicht einmal zwanzigtausend Einwohnern die Verbrechensrate des Städtchens und seiner Umgegend in schwindelerregende Höhen geschraubt.

          Zudem haben die beiden aus Ystad eine Filmmetropole werden lassen. Zunächst eigens für die Verfilmungen der Wallander-Stoffe ist ein Studiokomplex entstanden, mehrere Produktionsfirmen haben sich angesiedelt, inzwischen werden hier aber auch junge Film- und Medienaspiranten ausgebildet. In gleich drei Schauspielern hat sich der Buch-Kommissar während der vergangenen anderthalb Jahrzehnte verkörpert - im latent übergewichtigen Rolf Lassgard, im höchst melancholischen, aber auch darin perfekten Kenneth Branagh und im spröde lakonischen Krister Henriksson, der uns von heute Abend an vierfach österlich begleiten wird.

          Die Wallander-Schützlinge und Polizei-Aspiranten Pontus (Sverrir Gudnason) und Isabell (Nina Zanjani) kommen sich auch privat immer näher. Hier sind sie im Einsatz gegen das „Gespenst”
          Die Wallander-Schützlinge und Polizei-Aspiranten Pontus (Sverrir Gudnason) und Isabell (Nina Zanjani) kommen sich auch privat immer näher. Hier sind sie im Einsatz gegen das „Gespenst” : Bild: ARD Degeto/Yellow Bird/Jallo Fab

          Vom Roman zur Fernsehserie

          Dass Krister Henrikssons Wallander dabei zum Problem wird, ist nur zum geringen Teil die Schuld des Schauspielers. Hauptsächlich Verantwortung dafür trägt das Produzentenkartell, an dem neben der ARD-Tochter Degeto und einigen anderen europäischen Fernsehanstalten federführend die Yellow Bird AB beteiligt ist, an der wiederum Henning Mankell selbst Anteile hält.

          Yellow Bird und die Koproduzenten besitzen explizit keine Filmrechte an den Romanstoffen, wohl aber an den Figuren der Wallander-Krimis. Dieser rechtlichen Konstellation verdankt sich seit 2005 ein Serienprodukt namens „Mankells Wallander“, von dem bisher sechsundzwanzig jeweils neunzig Minuten währende Folgen in zwei Staffeln existieren. Zwanzig davon hat das Erste in den vergangenen Jahren bereits gesendet, über Ostern stehen nun vier weitere an, die restlichen zwei Folgen der zweiten Staffel werden uns zu Pfingsten beschert.

          Ein Spezifikum der Serie ist, dass die Geschichten, die sie der Reihe nach filmisch erzählt, literarisch gar nicht von Mankell stammen, weshalb sie naturgemäß in Buchform auch nicht erhältlich sind. Mankell liefert den verschiedenen Drehbuchautoren also bestenfalls Handlungsideen oder szenische Skizzen, die sie ausformulieren und die dann verfilmt werden.

          Krister Hendriksson ist unterfordert

          Solch üppige Vervielfältigungen der Wallander-Figur sind, das zeigen die jetzigen Folgen überdeutlich, nur um einen hohen ästhetischen Preis zu haben, denn sie verflachen beides - die Hauptfigur selbst und die neu um sie herum gestrickten Handlungen.

          Dies muss auf Dauer die Weltmarke Wallander schädigen, weil sie auf diese Weise zum Namensträger austauschbarer Kriminal-Massenware wird. Das Verflachen der Hauptfigur muss Krister Hendriksson zudem unterfordern. Sein Südschweden-Kommissar erspart sich nahezu alle gesundheitlichen Malaisen und Privatkatastrophen des Urbildes. Nichts von Depression, nichts von Diabetes, auch der Quartalsalkoholismus hat sich offenbar verflüchtigt.

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