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„Macht trifft Meinung“ : Der Gysi-Shuffle

Punktsieg für den Linksausleger: Gregor Gysi und Matthias Matussek in „Macht trifft Meinung” Bild: obs/PHOENIX

Ein Hauch von „Ultimate Fighting“ lag in der Luft: Gregor Gysi trifft auf Matthias Matussek, ein Politiker tritt an zum Rededuell mit einem Journalisten, der ihn verrissen hat. Die Sendung „Macht trifft Meinung“ auf Phoenix ist ein medienkritisches Experiment.

          Den Rezensenten totschlagen wollte schon der gute Goethe. Nicht ganz so weit trieb es der vielgeschmähte Filmregisseur Uwe Boll, der seine Kritikerschaft aber immerhin in den Boxring lud und ihr dort eine ordentliche Abreibung verpasste. Endlich einmal zurückschlagen gegen diejenigen, die ihre Angriffe aus der sicheren Distanz heraus fahren, ohne sich um die Folgen kümmern zu müssen: Diesen heimlichen Wunsch dürfen sich Presse-Opfer nun in einer neuen Sendung bei Phoenix erfüllen, die als medienkritisches Experiment angelegt ist.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Politiker misst sich hier mit einem Journalisten, der ihn zuvor niedergeschrieben hat: Ring frei für Runde zwei, von der sich Phoenix Einblicke in das Verhältnis zwischen den „geliebten Feinden“ erhofft. Zur Premiere traten zwei Schwergewichte an: Linken-Vorkämpfer Gregor Gysi traf auf den „Spiegel“-Fechter Matthias Matussek, der ihm in einem Artikel im Juni 2008 - ließen sich keine frischeren Gysi-Verisse auftreiben? - ein paar Tiefschläge versetzt und unter anderem als „Paris Hilton ohne Hündchen“ verspottet hatte. Den Titel der Sendung, „Macht trifft Meinung“, ließ diese Konstellation freilich fragwürdig wirken: Hat ein Gysi denn keine Meinung, und ist der „Spiegel“ etwa machtlos?

          Auge in Auge

          Auge in Auge saßen sich GG und MM in der riesigen Arena des Berliner E-Werks gegenüber, ohne Ringrichter, eingekreist von den Schienen, auf denen die Kamera entlangglitt, an einem unübersehbar angejahrten Tisch, was die Frage aufwarf, ob der Sender Angst um sein Mobiliar hatte. Ein Hauch von „Ultimate Fighting“ lag in der Luft, und Matussek ging auch gleich zum Angriff über. IM-Vorwürfe, SED-Millionen, Bonusmeilen-Affäre: Hartnäckig zielte er auf vermeintliche Schwachpunkte Gysis, doch der flinke Linksausleger wich immer wieder aus. Und tänzelte dann seinen berühmten Gysi-Shuffle, der den Kontrahenten zusehends sprachlos machte.

          „Alles Quatsch“, konterte Gysi ein ums andere Mal; die Medien versuchten, etwas gegen ihn aufzubauen, sie suchten das Negative, um spannendere Geschichten zu schreiben. Dem rhetorischen Feuerwerk hatte Matussek wenig entgegenzusetzen, der sein Pulver mit seinem Artikel schon verschossen zu haben schien; seine wichtigste Waffe, die spitze Feder, durfte er hier nicht einsetzen. Am Ende stand ein klarer Punktsieg für Gysi, der sich gefühlt dreimal mehr Redezeit nahm als sein zum Stichwortgeber degradierter Gegner. Wenn schon ein Verbalkraftprotz wie Matussek auf verlorenem Posten steht, sehen wir schwarz für die zarteren Naturen unserer Zunft. Sie sollten sich besser nicht aus der Deckung ihrer Schreibstuben wagen - denn wenn die Macht die Meinung trifft, kann es manchmal ganz schön wehtun.

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