https://www.faz.net/-gqz-145uh

Laudatio auf Nikolaus Brender : Der politischen Klasse ins Lesebuch

  • -Aktualisiert am

Nimmt zwar die Hand, aber kein Blatt vor den Mund: Nikolaus Brender Bild: dpa

Geistesgegenwart in einer Schrecksekunde: Als Nikolaus Brender den Bundeskanzler „Herrn Schröder“ nannte, setzte er ein Zeichen für die Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Die Laudatio von Frank Schirrmacher zur Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises an den ZDF-Chefredakteur.

          7 Min.

          In einem soeben auf der Buchmesse erschienenen Buch wird ein wichtiges Kriterium der Verhaltensbiologie erläutert: Wie lange, so die entscheidende Frage, dauert es, bis ein Organismus auf einen überraschenden äußeren Reiz sinnvoll reagiert? Das hängt oft gar nicht von dem Lebewesen ab, sondern von dem Medium, in dem es sich bewegt. Es gibt ganze Listen von Reaktionszeiten, bei Tieren der Luft geht es oft sehr schnell, was einleuchtend ist, weil sie sonst abstürzen würden. Lebewesen der Tiefe, vor allem solche, die im Schlamm des Meeresbodens existieren, können sich mehr Zeit lassen. Es soll angeblich eine bestimmte Art von Schwämmen geben, bei denen die Zeitspanne zwischen äußerem Reiz und innerer Reaktion acht Jahre betragen kann.

          Das gilt, in leicht abgewandelter Form, auch für die Biotope unseres journalistischen Gewerbes. Zwischen einer eintreffenden Information – dem äußeren Reiz – und der Reaktion darauf hatte der Printjournalist in der Vergangenheit eine Mindestreaktionszeit von vierundzwanzig Stunden, selbst in Internetzeiten hat er noch gut und gerne eine halbe Stunde. Führt er ein Interview, können zwischen Frage und Antwort, je nach Gesprächspartner und Redigierstatus, nach Überarbeitung, Rückfrage, Entschärfung, Wochen liegen. Anders bei den Kollegen vom Fernsehen. Sie leben im Äther. Und in den entscheidenden, den großen Live-Momenten des Mediums, die wir Zuschauer ersehnen und um die alles kreist, geht es um Millisekunden. Sie entscheiden darüber, ob wir die Vogelperspektive einnehmen können oder abstürzen – und vor dieser Herausforderung des Fernsehjournalismus habe ich großen Respekt.

          Was wir nicht vergessen werden

          Wo es geschieht, vergisst man es nie wieder. Ein solcher Moment war Hajo Friedrichs’ Tagesthemen-Moderation am Abend des 9. November 1989, oder besser: Es war ein Satz, den damals in dieser Eindeutigkeit und zu diesem Zeitpunkt völliger Verwirrung kein Politiker zu sagen wagte und der, wie wir heute wissen, wie ein Fanal auf viele Zuschauer in der DDR wirkte. Er lautete: „Das Tor in der Mauer steht weit offen.“

          Nikolaus Brender, Ilse Madaus-Friedrichs, Sandra Maischberger und Frank Schirrmacher (v.r.)

          Ein anderes Ereignis, das wir nicht vergessen werden, war der Abend des 18. September 2005. Und hier war es Nikolaus Brender, der innerhalb von Sekundenbruchteilen auf eine Situation reagierte, die im Nachhinein skurril wirkte – aber nur deshalb, weil Brender sie dazu machte, indem er so reagierte, wie er reagierte.

          Als es geschah, gefror nicht wenigen Zuschauern das Blut in den Adern. Es war ein Moment von solcher Intensität, dass später ein ehemaliger und übrigens äußerst nüchterner Bundesverfassungsrichter bekannte, er habe vor dem Fernseher gesessen und gedacht: „Wie gut, dass wir eine Verfassung haben.“

          Der Schlagabtausch zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem Chefredakteur des ZDF verdient es, in Lesebücher übernommen zu werden. Es ist ein Musterbeispiel von Delegitimation im Namen der kritischen Öffentlichkeit. Der Moment, da Brender, als zöge er ein Fazit, zu einem enthemmten Kanzler sagte: „Herr Schröder, ich nenne Sie jetzt nicht mehr Herr Bundeskanzler, sondern Herr Schröder“, war vor den Augen eines Millionenpublikums die Übertragung der mittelalterlichen Lehre von den „Zwei Körpern des Königs“ in die Medienwelt des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

          Weitere Themen

          Wer gefährdet hier die Demokratie?

          Überzogene Talkshowkritik : Wer gefährdet hier die Demokratie?

          Die Kritik an den Talkshows kennt kein Maß mehr. Wie abgedreht sie ist, zeigt die Begründung, mit der ihnen die „Goldene Kartoffel“ zugesprochen wurde: Sie schenkten Rechtsradikalen und Rassisten Sendezeit. Mit der Realität hat das nichts zu tun.

          Topmeldungen

          Bahn-Chef Richard Lutz (rechts) und der bisherige Finanzvorstand Alexander Doll

          Führungschaos bei der Bahn : Höchste Eisenbahn

          Zuletzt hatte es noch Hoffnung geben, die Bahn könnte ihre Probleme hinter sich lassen. Doch nun tobt ein Führungschaos in der Chefetage. Das erste Opfer: Finanzvorstand Alexander Doll. Aber der eigentliche Skandal liegt woanders.

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.