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„Kerner“ bei Sat.1 : Der mit den Toten redet

Allein unter Anwälten: Johannes B. Kerner mit Ralf Höcker und Patrick Zeising in seiner neuen Sat.1-Show Bild: dpa

Johannes B. Kerner ist bei Sat.1 gelandet. Dort briet er zum Auftakt Steaks, brachte Mario Barth nicht zum Schweigen und sprach mit einem Medium. Mit anderen Worten: Kerners neue Show mutet fast seriöser an als seine alte beim ZDF. Langweiliger allerdings auch.

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          Johannes B. Kerner hat nicht nur den Sender gewechselt, sondern auch das Fach. Er ist von der leichten Unterhaltung, auf die er beim ZDF abonniert war, ins journalistisch etwas ernsthaftere Fach der lebensnahen Beratung übergetreten. Im Ergebnis bedeutet das: Was Günther Jauch mittwochs bei RTL auf den Bildschirm bringt, das produziert Kerner in der nach ihm benannten Show fortan jeden Montag bei Sat.1. Sollte er damit Erfolg haben, dürfte es nicht lange dauern, bis sein alter Sender, das ZDF, die neue Show kopiert - am besten mit Markus Lanz als Moderator.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          In seiner ersten Sendung bei seinem Ursprungssender Sat.1, den er vor zwölfeinhalb Jahren für das ZDF verlassen hatte, merkte man Kerner die Routine an, die er als Gastgeber seiner Talkshow erworben hat. Eine Sendung, die vom Wechsel zwischen thematischen Beiträgen und den Gesprächen mit Gästen im Studio lebt, macht er aus dem Stand und mit links. Doch muss er sich an die längere Sendezeit wohl erst noch gewöhnen. Die erste Eindreiviertelstunde, die Kerner bei Sat.1 absolvierte, zog sich doch erheblich.

          Die Nervensäge vom Dienst ist auch da

          Die Filmbeiträge waren an Ausführlichkeit nicht zu überbieten und hätten gerne etwas kürzer sein dürfen. Noch kürzer wünschen wir uns die Auftritte des Rechtsanwalts Ralf Höcker, der seit einiger Zeit schon die Stelle im Fernsehen besetzt hat, die für eine gewisse Zeit der Rechtschreib-Onkel Bastian Sick innehatte - diejenige der Nervensäge von Dienst. Mit seinen Alltagstipps kann einen dieser Ralf Höcker nämlich in den Wahnsinn treiben. Darf ich als Privatmensch Knöllchen verteilen? Darf ich im Restaurant die Suppe zurückgehen lassen, nur weil sie mir nicht schmeckt? Muss die Händlerin an der Ecke Pfandflaschen zurücknehmen, die aussehen, als kämen sie vom Müll? Für solche Fragen ist Ralf Höcker, mit dessen Auskünften uns Kerner auch schon beim ZDF gequält hat, gut. Doch wissen muss man das meiste davon wirklich nicht.

          Schon wieder eine Kochshow

          Denn wer will im Restaurant schon mit einer Handwaage anrücken, um das Gewicht des angeblich zweihundert Gramm schweren Filetsteaks nachzumessen? Ein freundlicher Mitarbeiter aus der „Kerner“-Redaktion tat es und bekam es mit einem Steak zu tun, das von angeblich zweihundert Gramm Rohgewicht auf mickrige 122 Gramm heruntergebruzzelt war. Bei Mario Barth, der in Kerners Studio hernach drei Steaks briet, sah das anders aus - die verloren beim Braten gerade mal zwanzig bis höchstens dreißig Gramm an Gewicht.

          „Zack, wieder eine Kochshow“, hatte Barth gesagt, als ihn Kerner an die Pfanne bat. Das ist als Anspielung falsch und richtig zugleich. Richtig, weil Kerner mit seiner Kochshow dem ZDF den Freitagabend gerettet hat; falsch, weil er diese schon lange vor seinem Abgang beim Zweiten abgab und nach seiner Demission auch noch gedrängt wurde, diese Show nicht mehr zu produzieren. Er hat sich wohl auf freundliche Hinweise aus Mainz hin von seinem Anteil an der Produktionsfirma „Fernsehmacher“ getrennt, die hinter Lanzens Show steckt. Da Kerner nun für den einzigen Sender arbeitet, der ohne nennenswerte Kochshow auskommt, wäre es nur naheliegend, eine neue Firma zu gründen, loszukochen und als neuer Konkurrent die alten Freunde im ZDF, von denen sich Kerner diplomatisch verabschiedet hat, eins zu verbraten.

          Aber Konkurrenz macht Kerner nun zunächst einmal Jauch und umgekehrt. Ein Thema wie jenes der Kündigungen aus nichtigem Anlass, mit dem Kerner begann, ist auch eines für Jauch. Die Staus auf der Autobahn, die auch auf die Vielzahl der Baustellen zurückzuführen sind, wären ebenfalls etwas für „Stern TV“, vielleicht auch etwas für Ulrich Meyers „Akte“, neben der Kerners Sendung jedoch geradezu staatstragend wirkt.

          Ausbeuterische Arbeitsbedingungen

          Mit staatstragend wäre auch freundlich umschrieben, wie uns die Sendung vor allem vorkam: Sie war durchaus ernsthaft in dem Bemühen, den Fall einer ehemaligen Mitarbeiterin von Aldi Nord zu zeigen, die zur Kündigung gedrängt worden war und von widrigen, um nicht zu sagen ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zu berichten wusste. Die erste „Kerner“-Show bei Sat.1 war aber auch zäh wie ein zu lange gebratenes Steak, für die nötige Würze sorgte nicht einmal Mario Barth, dessen Redeschwall Johannes B. Kerner kaum zu unterbrechen wusste. Da musste schon nachträglich geschnitten werden, um den Auftritt zu beenden. Jetzt wissen wir wenigstens, dass Barth nach seiner Stimmbandoperation mit seiner Freundin in einem Esoterik-Hotel abgestiegen ist. Man kann sich denken, wie es ihm da gefiel. Und auch der junge Schweizer, der angeblich Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen und Hinterbliebenen Kunde überbringen kann, war eine ziemliche Luftnummer.

          Mit anderen Worten: Der neue Kerner ist - fast ganz der alte. Sein neues Format hat Johannes B. Kerner bei Sat.1 mit einem kleinen Schwenk zu dem, was er zuvor fürs ZDF veranstaltete, schnell gefunden. Jetzt muss er es mit seiner Redaktion nur noch so richtig vollpacken. Denn das war zum Auftakt etwas dürftig.

          Der Auftakt für Johannes B. Kerners Sat.1-Magazin „Kerner“ blieb aus Sicht des Senders hinter den Erwartungen. Kerners Magazin sahen um 21.15 Uhr 1,83 Millionen (6,5 Prozent). Auch in der von Sat.1 favorisierten Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer hielt sich die Resonanz in Grenzen: „Kerner“ erzielte 7,6 Prozent. (dpa)

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