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Kenneth Branagh als Wallander : Mann unter Feuer

Der wahre Wallander: Kenneth Branagh Bild: ARD Degeto/Yellow Bird

Kenneth Branagh ist Wallander: Er spielt Mankells Kommissar in einer neuen Serie. Zwei Vorgänger gab es schon auf dem Posten. Doch mit dem Briten scheint jetzt die Idealbesetzung gefunden zu sein.

          3 Min.

          Über den Krimis des schwedischen Autors Henning Mankell hängt die Moral mächtig und schwer, genau wie der Himmel über den Rapsfeldern von Ystad. Dort, in den Landschaften von Schonen, ermittelt Kommissar Wallander. Es geht bei seinen Fällen nie nur um Mord im Affekt, sondern immer ums Ganze: Gut gegen Böse, Erste gegen Dritte Welt, Politik gegen Leben, Männer gegen Frauen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wallander hat jetzt ein neues Gesicht: Kenneth Branagh spielt ihn in drei Fernsehfilmen, die am Pfingstwochenende im Deutschen Fernsehen gezeigt werden. In Großbritannien und Amerika lief die internationale Koproduktion schon, an der auch die ARD-Firma Degeto beteiligt war - und wurde preisgekrönt. Drei weitere Fälle sind in Vorbereitung, auf die man sich freuen kann: Denn Kenneth Branagh, der von der Bühne kam, Hollywood eroberte, dann hin und wieder Pech hatte mit seinen Projekten und heute zwischen Radio, Fernsehen und Kino hin und her wandelt, dieser Shakespeare-Schauspieler Branagh also schafft es, Wallander dem übergroßen moralischen Pathos seines Erfinders zu entwinden.

          Wenn es still wird im Zimmer

          Er muss zwar, keine zehn Minuten in die erste Folge „Die falsche Fährte“ hinein, das Mankell-Mantra anstimmen, es lautet: „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“ Aber danach leidet Branaghs Wallander eher an seiner eigenen Entrüstung über das menschengemachte Böse, wie es ihm in seinen Mordfällen begegnet, und schlägt und plagt sich damit herum, statt große Reden darauf zu halten. Wallander ist ja kein Mann des Wortes, er bellt und mault und murmelt sich durch den Alltag, und wenn er mal über sich selbst sprechen muss, wird es meistens sehr still im Zimmer.

          Dolores Maria Santana (Ashley Madekwe) in schwedischer Landschaft
          Dolores Maria Santana (Ashley Madekwe) in schwedischer Landschaft : Bild: ARD Degeto/Yellow Bird

          Gerecht mag er sein, wenn auch nicht unbedingt zu seinen Kollegen: Aber ein Prediger ist Wallander nicht, dazu fehlt ihm der Hang zur großen Szene. Seine Eitelkeit ist die Pflichterfüllung. Beim Lesen der neuen Drehbücher hat Kenneth Branagh im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt, sei er unweigerlich in sich zusammengesackt und habe „nach zehn Minuten keinen Hals mehr“ gehabt (Interview: Sind Sie ein alter Schwede, Mister Branagh?). Den Kommissar als aufrechten und zugleich geknickten Mann zu verkörpern gelingt ihm jedenfalls viel, viel besser als seinen Vorgängern auf dem Posten: Rolf Lassgård spielte Wallander barocker, Krister Henriksson bürokratischer, ihre Fälle kann man noch immer ständig in Wiederholungen irgendwo im Spätprogramm sehen.

          Viel Spaß an der unfrohen Visage

          Es patrouillieren also schon zwei Fernsehkommissare namens Kurt Wallander. Warum dann noch ein dritter, zumal der mit Fällen debütiert, die allesamt schon verfilmt worden sind? Der neue Wallander wurde zum Leben erweckt, weil Henning Mankell eine englischsprachige Fernsehversion seiner Krimis produzieren wollte - und genau zu dem Zeitpunkt damit begann, als Branagh, ein begeisterter Leser der Bücher, selbst überlegte, die Rechte zu erwerben, allerdings „ohne mir große Hoffnungen zu machen“, wie er sagt. Dann sei es sehr schnell gegangen.

          Und jetzt wirkt es ein wenig so, als wäre Sean Connery erst nach Roger Moore und George Lazenby zum Inbegriff von James Bond geworden: Branagh, der im Laufe seiner Karriere schon Hamlet, den Antarktisforscher Shackleton, einen Doppelgänger Woody Allens und Harry Potters Zauberlehrer Gilderoy Lockhart gespielt hat, verleibt sich Wallander ein. Wird an ihm dicklich, dehnt sich in ihm aus und scheint an der zerknitterten, unfrohen Visage, die er auflegen muss, großen Spaß zu haben. Man sieht hier offenbar nicht nur einem neuen Wallander, sondern auch einem glücklichen Schauspieler bei der Arbeit zu.

          Äxte im Kopf

          In was für einer Welt lebt Kurt Wallander also? Im ersten Fall geht es um Missbrauch, Menschenhandel, Zwangsprostitution. Im zweiten, „Die Brandmauer“ betitelt, um Internetterroristen, die für die gute Sache und gegen die Globalisierung töten. „Mittsommermord“ schließlich handelt von einem Serienmörder mit gebrochenem Herzen. Wie brutal die Morde sind, meist geschehen ja pro Fall gleich mehrere, schockt auch diesmal, unter Äxten im Kopf machen es schwedische Krimis wohl nicht mehr, selbst wenn sie englisch besetzt sind.

          Wallanders Kollegen - Sarah Smart als waidwunde Anne-Britt Hoglund, Tom Hiddleston als geschurigelter Martinsson - und auch Jeany Spark als Wallanders ewig vernachlässigte Tochter Linda können eigentlich nur im Schatten des Titelhelden stehen, weil ihnen das Drehbuch oft nicht mehr als aufgerissene Augen, Seufzer im Büro und nachdenkliches Stirnrunzeln am Tatort gönnt. Und selbst Branagh muss seinem Wallander ein paar Bullenklischees abringen, er muss Pathologen und Profiler anraunzen, in Schuhen auf dem Sofa schlafen, Tiefgekühltes essen. „Ich weiß, dass ist typisch für einen Kriminalbeamten“, sagt Branagh, „der besessene Mann, brillant im Beruf, hilflos zu Hause.“

          Große Momente

          Anderseits verschafft ihm und dem Ensemble dieses Privatchaos ein paar große Momente. Wie Wallander beispielsweise seinen querulantischen Vater Povel (gespielt von David Warner) in einer Zelle besucht, der an Alzheimer erkrankt ist, das bislang aber nicht zugegeben hat und nun verwirrt und randalierend aufgegriffen wurde: Da schäumt Branagh die Wut hinter den Zähnen, bis er sie irgendwann hinausspuckt: Du blöder alter Kerl, fährt er seinen Vater an, glaubst du, dass du die Krankheit besiegen kannst? Und du, fragt sein Vater kalt, glaubst du, dass du sie lösen könntest? Zwei aus dem gleichen Holz, schartig, sperrig und vertrocknet.

          Beim todtraurigen Finale des ersten Falls „Die falsche Fährte“ bricht der Kommissar im Atelier seines Vaters zusammen, ein Künstler, der seit Jahren die gleichen Motive malt, so wie der Sohn seit Jahren nach den gleichen Motiven sucht. Ich kann nicht mehr, sagt Kurt. Du bist wie ich, antwortet der Vater, ohne es zu sagen, dann nehmen die beiden sich ein Versprechen ab, nur um es doch wieder zu brechen, in den Folgen, die da noch kommen, zum Glück.

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